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Jaques Ferrandez / Albert Camus: Der Fremde: Die Graphic Novel

Der Trend, bekannte Romane zeichnerisch zu adaptieren, ist nicht neu: Seit einiger Zeit wird daher versucht, große Werke der Weltliteratur – etwa Dantes „Göttliche Komödie“ oder Nabokovs „Lolita“ – als sogenannten „Graphic Canon“ neu aufzubereiten. Was dabei mitunter alles verloren gehen kann, ohne dass ein Zugewinn erfolgt, der diesen Verlust wettmacht, zeigt die Bearbeitung von Albert Camus‘ bedeutendsten Roman.

Die Geschichte selbst dürfte hinreichend bekannt sein: Der junge Angestellte Mersault wird durch einen grotesken Zufall zum Mörder, schlussendlich aber dafür zum Tode verurteilt, dass er die metapyhsisch durchdrungenen Wertvorstellungen der Gesellschaft, in der er lebt, nicht teilt. Leider gelingt es Ferrandez selten, ein zeichnerisches Äquivalent für die Kraft und Klarheit von Camus‘ Prosa zu finden, was sich besonders auf den komplexen, wie auch sehr leicht misszuverstehenden Protagonisten auswirkt: Der um Sinnlichkeit im Jetzt – die Sonne, das Meer, Licht und Lust – bemühte Mersault, der sich irritiert zeigt von den Versuchen des Menschen, ihr Heil in mühsam gepflegten Weltanschauungen und Gebräuchen zu suchen, wirkt hier häufig wie der oberflächliche, emotionslose und amoralische Schnösel, zu dem ihn das Gericht später abstempeln wird.

Die recht konventionell geratenen, farbentsättigten und visuell keineswegs einfallsreichen Bilder finden schlicht kein Mittel, die Ambivalenz der Figur angemessen auszuloten. Stattdessen muss ausschließlich Camus‘ Text gegen Ende allein die nötigen Erklärungen liefern, was die Comicadaption im Vergleich zu ihrer literarischen Vorlage letztendlich obsolet erscheinen lässt. (mwe)

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