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Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht

Die Realität: Seit vergangenem Herbst geht die Hysterie um im polnischen Niederschlesien zwischen Worclaw (Breslau) und Walbrcych (Waldenburg). Damals gab die polnische Kulturministerin bekannt, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein berüchtigter Goldzug der Nazis irgendwo in den bis jetzt nicht mal ansatzweise erschlossenen unterirdischen Tunneln stehe, die Hitler ab 1943 hat bauen lassen, als er in Niederschlesien eine zweite Wolfsschanze errichten wollte. Private Schatzsucher aus dem ganzen Land riskieren seitdem hohe Geldbußen und buddeln um Wette nach dem großen Reichtum, der – wenn es den Zug denn gibt – der Besitz ermordeter Juden ist. Hysterie in Polen hat viele Ausformungen, und jetzt kommen wir zum Buch, denn: Etliche von ihnen hat Joanna Bator in ihrem Roman „Dunkel, fast Nacht“ untergebracht, der in Polen bereits vor vier Jahren erschienen ist. Bators Heldin Alicja Tabor kehrt als Journalistin in ihren Heimatort Walbrcych zurück, um für eine Reportage den Fall mehrerer Kindesentführungen zu recherchieren. Von den ersten Seiten des Romans an wird deutlich, dass die Heldin mit der Zugfahrt nach Walbrych eine Reise in die eigene Vergangenheit antritt. Mit einem Schlüssel, den sie seit dem Tod ihres Vaters vor 15 Jahren nicht mehr angerührt hat, öffnet Alicja die Tür zum Elternhaus. Viele Erinnerungen hatte sie dort zurückgelassen, jetzt muss sie sich ihnen stellen.

Joanna Bator erzählt uns aber nicht nur Alicjas Geschichte: Während ein junger Sektenführer auf dem Marktplatz immer mehr Anhänger um sich schart und diese wegen der Kindesentführungen mit seinen Predigten bis zur Hysterie aufpeitscht, wird in lokalen Internetforen Fremdenfeindlichkeit aller Formen einmal durch den Verschwörungsquirl gejagt. Vor dieser Kulisse beginnt Alicja mit ihrer Recherche und muss sich gleichzeitig der eigenen Kindheit stellen: Warum hat sich ihre ältere Schwester Ewa mit 17 umgebracht? Warum zieht sich ihr Vater immer häufiger aus der Familie zurück und verschwindet wie so viele andere auch in den Stollen Walbrychs, um nach einem verschwundenen Schatz zu suchen? Gemeinsam mit dem väterlichen Freund Albert Kukulka, seinem Neffen Marcin Schwartz und ihrer alten Schulfreundin, der transsexuellen Bibliothekarin Celestyna, geht sie all diesen Fragen nach.

In Romanform ist Joanna Bator ein sowohl bedrückendes als auch anrührendes Dokument polnischer Zeitgeschichte gelungen. Gesellschaftliche Verwerfungen vor dem Hintergrund großer wirtschaftlicher Probleme werden verwoben mit privaten Tragödien, die bis in die 1940er-Jahre zurückreichen. Bator gelingt das fast spielend, die Rückblenden besorgt erzählend das Romanpersonal. Wo dies schon tot ist – ja, das gibt es –, tun dies wichtige Briefe. Lediglich bei der Lösung der Entführungsfälle dreht die Autorin das Rad ein bisschen zu weit. Zu plötzlich und zu unglaubwürdig tauchen hier Motiv und Täter auf. jw

Joanna Bator Dunkel, fast Nacht
Suhrkamp, 2016
480 S., 24,95 Euro

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