Jochen Malmsheimer: Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage

Wer seine Programme „Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage“ nennt, wie das absolut neue, das gerade erst Premiere hatte, oder vielleicht gar „Ermpftschnuggn trødå!“, wie das vorherige, der fordert seine Zuhörer schon vor ihrem Besuch seiner Vorstellung heraus. Doch wer denkt, mit der Herausforderung sei es vorbei, sobald man sich bei Jochen Malmsheimer in den Sessel fläzt, der täuscht sich gewaltig, denn dann, genau dann beginnt die Herausforderung erst; bei Malmsheimer ergießt sich kaskadisch eine Wort-, Satz- und Gedankenflut über die Zuhörer und fordert die Gäste, zerebral voll auf der Höhe zu sein. Zumindest, wenn man verstehen will, was der Kabarettist uns sagen will. Und das sollten wir. Malmsheimers Alltagsbeobachtungen sind so genau, ihre Schilderung so präzise, sein Stil so geschliffen, dass kulturnews, noch ohne seine neue Show gesehen zu haben, bedenkenlos auf die Bestenliste setzt. Wenn Sie wollen, dass Jochen Malmsheimer am Ende des Jahres unter den besten Zehn steht, die beim kulturnewsAward 2016 zur Wahl stehen, müssen Sie hier für ihn abstimmen.

Jochen Malmsheimer im Gespräch mit kulturnews

Interview: Jürgen Wittner

Herr Malmsheimer, wie kann man so verrückt sein, das Hauptwort „Globalisierung“ am Tresen der Stammkneipe das neben ihm sitzende Adjektiv „mürrisch“ ,Na, wie läuft’s so? ‘ fragen zu lassen? Oder lieben Sie etwa das Chaos?
Jochen Malmsheimer: Natürlich liebe ich das Chaos, aber ich liebe auch die Ordnung. Und das eine gebiert ja das andere, wie wir wissen. Und natürlich geht es darum, in einer solchen Szene gleich im ersten Moment so viel Verwirrung wie überhaupt nur möglich zu stiften.

Ist Verwirrung manchmal wirklich Ihr Ziel?
Malmsheimer: Ich glaube schon. Manchmal hilft es – zumindest mir –, wenn ich Dinge durcheinander wirbele. Dann ordnet sich vieles neu, und manchmal bekommt man einen überraschenden Einblick.

Sprache ist zunächst Kommunikation. Wie ist Ihr Verhältnis zur Sprache?
Malmsheimer: Das ist zunächst mal ein entspanntes Verhältnis. Ich benutze sie seit vielen Jahren, reibungsfrei und mit großem Vergnügen. Ich hab, wie schon Hanns Dieter Hüsch zu sagen pflegte, zuweilen schon morgens auf nüchternem Magen gesprochen.

Nu aber mal im Ernst, Herr Malmsheimer!
Malmsheimer: Sprache ist Musik! Und zwar deutlich Musik. Wenn es einem auch gelingt, sie so zu verwenden, ist man ein ausgefüllter und glücklicher Mensch.

Würden Sie sagen, dass Sie ein erotisches Verhältnis zur Sprache haben?
Malmsheimer: Das würde ich nicht sagen, Erotik pflege ich bei anderen Gelegenheiten. Und dann halte ich den Mund.

Kann man denn wenigstens Unzucht mit der Sprache haben?
Malmsheimer: Da kommt es darauf an, was Sie unter Unzucht verstehen. Der Begriff ist etwas überkommen und stammt aus einer Umgebung, wo man das vielleicht konnte. Heute denke ich, ist das nicht möglich.

Als mein Sohn zur Welt kam, las ich Dieter E. Zimmers Buch „Wie kommt der Mensch zur Sprache“. Wie kommt er denn zur Sprache, Herr Malmsheimer?
Malmsheimer: Durch Hören und Sprechen! Ich habe zwei Söhne, und ich hab das Buch auch gelesen. Ich habe auch weitere Bücher von Herrn Zimmer gelesen, die übrigens sehr klug sind. Und ich beobachte an meinen Kindern: Wenn wir recht viel mit ihnen sprechen, tun sie das auch mit uns.

Welche Dinge wären zu banal, als dass man sie auf der Bühne verhandeln könnte?
Malmsheimer: Keine. Die Bühne sollte im besten Fall ein Abbild sein dessen, was vor der Bühne und hinter der Bühne und neben der Bühne stattfindet. Es gibt nichts, was zu banal ist, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Und wie man es präsentiert. Auch das Banale hat bisweilen unglaubliche Auswirkungen. Deswegen gehört es genauso dargestellt wie die großen, weltbewegenden Situationen.

Bastian Sick gilt allgemein als der Lehrmeister der deutschen Sprache …
Malmsheimer: Grauenhaft, ja.

Sie scheinen mir oft der Anarchist der Sprache zu sein, der aber die Regeln perfekt beherrscht.
Malmsheimer: Das tue ich überhaupt nicht. Ich bin der Auffassung, dass Sprache ein lebendiges Wesen ist. Sie sorgt dafür, dass Ballast abgeworfen und Schönes eingebunden wird. Natürlich braucht es Regeln, damit wir uns überhaupt verstehen können, und die zu beherrschen ist auch ganz schön. Es ist aber kein charakterliches Manko, wenn man da nicht sattelfest ist. Wenn Sprache etwas nicht braucht, dann sind das Verteidigung und Lehrmeister.

Dann hatte Karl Kraus total unrecht mit der These, ein nachlässiger Umgang mit der Sprache hätte immer auch einen nachlässigen Umgang mit der Welt zur Folge?
Malmsheimer: Nein, damit hat er natürlich Recht! Aufmerksamkeit sollte man erheblich walten lassen, wenn man spricht. Übrigens auch, wenn man zuhört. Karl Kraus hatte in fast allem, was er sagte, Recht. Ist allerdings schon ein bisschen her!

Wenn man Sie auf der Bühne so sieht, könnte man denken, Sie sind ein Baumarktverkäufer oder stehen abends so auch in Bochum hinterm Tresen einer Stammkneipe. Ist das das Outfit eines Wortdrechslers?
Malmsheimer: Outfits haben mich nie interessiert. Ich bin der ich bin und ich schlüpfe in keine Rolle. Ich ziehe mich nicht um für meine Arbeit, ich bin ja kein Metzger. Mir ist wichtig, was aus mir rauskommt, nicht was außen dranhängt.

Was war Ihr erstes Wort, das Sie sprachen? Meins war Auto.
Malmsheimer: Ha! Keine Ahnung! Ich war ja nur peripher beteiligt. Da müsste ich meine Mutter fragen. Ich glaube aber es war nicht „Rekonvaleszenserscheinung“.

Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen, die manchmal doch so durchgeknallt sind?
Malmsheimer: Wenn ich das wüsste. Sagen wir es so: Ich bin total dankbar, dass mir bisweilen was einfällt. Wo das herkommt; wo das vorher war, da habe ich keine blasse Ahnung. Ich muss jetzt gerade wieder was Neues schreiben, und ich hab keine Idee. Ich weiß, dass ich Druck brauche. Ich brauche Termindruck, und ich brauche Leidensdruck. Ich muss an Dingen leiden, und ich muss einen beschissenen Termin haben. Diese beiden Drücke ergeben dann im Gesenk ein Werkstück. Wenn alles gut läuft! Verlassen kann man sich darauf nicht, das macht die Sache so furchtbar.

Können Sie sich deshalb so köstlich über sich selbst amüsieren, wenn Sie erst mal auf der Bühne stehen? Weil der Leidensdruck weg ist und Sie ein Programm haben und das auch noch funktioniert? Sie fallen ja oft regelrecht aus der Rolle, wenn Sie zu lachen beginnen.
Malmsheimer: Das mag sein. Wichtig ist in diesem Satz gewesen: Aus der Rolle fallen. Da können Sie sich nie sicher sein, ob ich wirklich aus der Rolle falle oder nicht. Tatsache ist, dass ich mich an dem, was ich tue, delektiere. Das habe ich immer schon getan.

Und Sie machen das Aus-der-Rolle-Fallen zum Konzept.
Malmsheimer: Nein. Konzepte haben mich noch nie interessiert. Ich bin jemand, der sich dem Moment sehr gerne hingibt. Und wenn der Moment königlich ist, dann sollte man sich Hermelin überwerfen. Und wenn der Moment scheiße ist, dann sollte man sehen, dass man da durchkommt. Große Entwürfe und Konzepte fand ich für das, was ich tue, eher immer hinderlich.

Es gibt bei Ihnen hysterische Lacher, es gibt Übersprungshandlungen, plötzliche Blicke über die Schulter und gegenläufige Informationen verbal und in der Gestik. Sie setzen wirklich alles ein, um ihre Zuschauer zu irritieren. Ist Ihnen das bewusst?
Malmsheimer: Das ist mir sehr bewusst. Einer meiner größten Idole, was diese Körperlichkeit angeht, wird heute 90 Jahre alt: Jerry Lewis. Den hab ich als Kind schon gesehen und geschätzt und geliebt bis heute. Und der ist, was Mimik, Gestik, Bewegung, komische Inhalte zu transportieren (ich weiß nicht mehr, was dahin kommt, also hab‘ ich’s gestrichen) weltmeisterlich. Das habe ich immer geschätzt, und das fließt in das ein, was ich tue, das weiß ich.

Müssen Ihre Kinder arg leiden, wenn Sie monologisierend durch die Wohnung streifen?
Malmsheimer: Wenn ich zu Hause so wäre wie auf der Bühne, hätte sich meine Frau schon vor Jahren von mir getrennt und es wäre nie zu Kindern gekommen. Ich versuche natürlich, zu Hause eine gewissen soziale Verträglichkeit an den Tag zu legen, und spüre die Verantwortung, was die geistige und auch körperliche Gesundheit meiner Kindheit angeht, deutlich. Das heißt, ich halte mich, wenn es geht, zurück. Sie sind aber die ersten, die zu sehen kriegen, was ich mache. Und sie sind auch die ersten, die es kritisieren. Und das freut mich sehr.

Und die Gattin darf auch kritisieren?
Malmsheimer: Die Ehefrau hat einen weitaus schwereren Part, die muss am Vorabend der Premiere das Skript lesen mit der Maßgabe: Lies und lach! Das ist ganz besonders schwer, weil meine Frau einen völlig anderen Humor hat als ich. Und ich weiß, wenn sie mit den Mundwinkeln zuckt, dann werfen andere mit Möbeln.

Sie erheben die Empörung zum Konzept.
Malmsheimer: Nein. Ich habe Ihnen ja eben schon gesagt, was ich von Konzepten halte. Wenn Empörung angesagt ist, dann muss sie stattfinden. Aber nicht durchgängig, das hält ja kein Mensch aus. Das glaubt einem auch keiner.

Ihre Psalmen zur tief sitzenden Hose aber sind Empörung pur.
Malmsheimer: Das ist – und da gibt es viele Momente in meinen Programmen – der Versuch, Irritationen, denen wir schutzlos ausgesetzt sind, auf eine plakative Art und Weise herauszuarbeiten. Und da bin ich auf den Psalm gekommen. Denn die Hose interessiert mich natürlich gar nicht. Die Hose ist Ausdruck von etwas anderem. Genauso wie das Wurstbrot auch einfach nur Stellvertreter für eine bestimmte Art der Entwicklung ist. Da stellt sich die Frage: Wie kann ich mich am deutlichsten über die Sache erheben? Das hat offensichtlich niemals funktioniert. Aber ich bemühe mich zumindest.

Es funktioniert nicht?
Malmsheimer: Die Leute finden das Wurstbrot toll, wissen aber nicht, wofür es steht. Und bei der Hose ist das genauso.

Sie sind ein wertkonservativer Mensch.
Malmsheimer: Das geht schon wieder in die Konzeptfrage.

Aber man muss doch mal einen Schritt weiterkommen!
Malmsheimer: Es gibt Dinge, die sind es Wert, bewahrt zu werden, da haben Sie Recht.

Sie lassen Sich nicht in die Karten schauen, Herr Malmsheimer.
Malmsheimer: Ungern! Nein, das stimmt nicht. Ich hab eben schon mal gesagt, ich lasse mich ungern auf ein Konzept festlegen. Ich habe ein sehr dezidiertes Bild des Menschen und der Welt, und dies ist an Einzelfälle gekoppelt und nicht ein großer Entwurf. Große Entwürfe machen satt und selbstsicher, und das bin ich nicht.

Interview: Jürgen Wittner

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