Joe Jackson

Der sanfte Diktator

Zum Silberjubiläum seiner Band macht Gründer Joe Jackson uns ein romantisches Geschenk: elf neue Songs und eine Tour in Originalbesetzung. Ein Interview übers Komponieren und das Elend der Elektronik.

kulturnews: Mr. Jackson, nach einem Vierteljahrhundert gibt’s nun also den Nostalgie-Sampler für die Plattensammlung.

Joe Jackson: Nostalgie ist schon dabei, aber nur als Beilage. Das Hauptgericht: unsere „Wiedervereinigung“ und der unglaubliche Enthusiasmus der anderen drei Bandmitglieder. Und klar – wir hatten unglaublich viel Freude daran, wieder miteinander zu musizieren. Es ging schnell: nach ein paar Aufwärm-Gigs spielten wir alles in zwei, drei Takes ein und brauchten danach nur minimal drüber zu gehen. Natürlich greifen wir auf Bewährtes zurück – warum auch nicht? Aber wir haben auch Neues entwickelt. Ich schreibe viel besser als vor 20 Jahren.

kulturnews: … und die Band ist beim Schreiben nicht beteiligt.

Jackson: Ach, ich bin ein gütiger Diktator. Ich denke schon in den jeweiligen Arrangements, wenn ich komponiere.

kulturnews: Daher die Sinfonie, die sie vor einigen Jahren komponiert haben?

Jackson: Genau. Ich will nicht für ein Orchester schreiben, das käme mir vor wie ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, aber eine sinfonische Struktur ist mir sehr nahe. Ich bin auch wirklich stolz auf den Gram-my, den ich dafür bekommen haben. Und zwar richtigerweise in der Kategorie Pop, nicht Klassik.

kulturnews: Die Songs auf der neuen CD kommen so ziemlich aus allen Stilrichtungen, von Ska über Tiefsinnig-Lyrisches bis Punk …

Jackson: … aber wir klingen immer wie die Joe Jackson Band! Es geht nicht darum, sich selbst gut zu kopieren. „Fairy Dust“ beispielsweise ist neu, das haben wir zuvor nicht gemacht.

kulturnews: Ein Dessert sozusagen.

Jackson: Hm – mehr ein Sahnehäubchen. Die ganze Musik ist frisch. Ich glaube daran, dass das Zeitgemäße von allein einfließt, wenn man sich nicht aktiv dagegen abschottet. Ich bin ein Mischling, und es wäre sicher für alle Beteiligten viel leichter, wenn ich in einem bestimmten Stil komponieren würde. Geht aber nicht. Ich verbrate Ideen, die sowieso in der Luft liegen, die nicht mal besonders clever sind – und die Leute finden es außergewöhnlich.

kulturnews: Also heute statt der zornigen jungen Männer die melancholischen alten Herren … ?

Jackson: Ich fand die Bezeichnung „angry young men“ schon immer komisch. Das wird einem plötzlich übergestülpt, als ob man sich auch noch beim Zähneputzen so gerieren müsste. Auch die „mellow older freaks“ sind nur eine Seite eines Konzepts – nämlich gute Musik zu machen, mit Erfahrung und Frische. Ich glaube, es gibt einfach nicht genug gutes Songwriting. Die Leute im Geschäft scheinen mir weniger leidenschaftlich um Musik bemüht, also ist die Musik auch nicht besonders leidenschaftlich. Oder ist es so, dass man diese Musik gar nicht leidenschaftlich betreiben kann? Ich weiß es nicht.

kulturnews: Schießen Sie damit gegen Elektronik, gegen Dance?

Jackson: Ich wage die Vorhersage, dass akustische Musik bald wieder wichtiger werden wird. Es kann auf Dauer einfach nicht sein, dass DJs und Remixe ganz oben in den Charts stehen. Das muss abflauen, und die Zeit ist bald reif dafür. Momentan befinden wir uns nicht gerade in einem Goldenen Zeitalter.

kulturnews: Warum haben Sie eigentlich Ihre Solo-Pläne zugunsten der Reunion auf Eis gelegt?

Jackson: Am Anfang war es wirklich nur das amüsierte Erschrecken, dass unser gemeinsames Debüt tatsächlich schon 25 Jahre her ist. Ich hatte schon einige Songs für mein Solo-Album geschrieben, als mir einfiel, bei den Jungs mal anzuklopfen. Jeder hatte Lust, mal wieder gemeinsam aufzutreten, und so habe ich den Rest für die Band arrangiert oder neu geschrieben. Ich bin ein sehr geselliger Mensch, und allein auf der Bühne fühle ich mich … einsam. Jetzt haben wir erst mal ein halbes Jahr unseren Spass auf Tour.

Interview: Gabi Sabo

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