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Judith Merchant veröffentlicht mit „Schweig!“ einen neuen Psychothriller

Portraitfoto Judith Merchant
Foto: Maya Claussen

Man muss sich nicht erst mühsam fremde Menschen zu Feinden machen. Einfacher ist es, sich im näheren Familienkreis ein Opfer auszuwählen, das als ständiger Frustableiter der eigenen Unzufriedenheit dient. Über Jahrzehnte kann chronische Missgunst schön vor sich hin brodeln.

Doch irgendwann – gerne zu einer festtäglichen Familienrunde mit verordneter Anwesenheitspflicht – brennen dann die Nerven durch. Schluss mit Friede, Freude, Eierlikörchen: Lang gehegter gegenseitiger Hass kann da blutig enden. Die meisten Straftaten werden eben doch noch von Verwandten begangen.

Thrillerautorin Judith Merchant kennt sich mit dem Thema aus und wählt mit der Weihnachtszeit eine klassische Versuchsanordnung: Kammerspielartig ist der Plot auf nur wenige Personen und Handlungsorte begrenzt. Zwei Schwestern haben sich entzweit.

Esther, die ältere, reitet den scheinbar erfüllten Mittelstandstraum mit Mann, Kindern und Katze in ihrer Stadtwohnung. Sue, die jüngere, lebt nach ihrer Scheidung kinderlos in einer übergroßen Villa im Wald und pfeift auf Lametta, Gans und Tiramisu.

Doch Esther will wenigstens kurz vor Heiligabend ein kurzes Geschwistertreffen und fährt 100 Kilometer zu ihrer kleinen Schwester, die sie immer nur „Schnecke“ nennt. Die öffnet mit einem Messer in der Hand.

Zunächst kommt es jedoch nur zu verbalen Sticheleien, die aus belanglosem Smalltalk herausblitzen. In Wahrheit sind aber schon wieder die alten manipulativen Machtspielchen zwischen den Schwestern entbrannt, die im Laufe der Nacht selbst ein Mord nicht stoppen kann …

Nachdem „Atme“ es auf die Bestsellerlisten geschafft hat, legt Judith Merchant mit einem neuen Psychothriller nach

Judith Merchant hat sich längst als Autorin psychologischer (Hoch-)Spannungsromane etabliert. Schon 2009 und 2011 wurde sie mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, den sie jeweils für die beste Krimi-Kurzgeschichte des Jahres bekommen hat.

Nach ihrer Rheinkrimi-Serie erschien 2019 der vielbeachteter Thriller „Atme“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch und landet prompt auf den Bestsellerlisten.

Scheinbar harmlose Wörter bekommen in „Schweig!“ eine giftige Bedeutung

Durch einen raffinierten Wechsel der Erzählperspektiven und mit zeitlichen Rückblenden zeigt Judith Merchant, wie sich hinter kleinen Grausamkeiten der Neid der beiden Schwestern verbirgt, der sich Jashr für Jahr zu einem familiären Guerillakampf steigert.

Dabei zieht die Autorin ihren unzuverlässigen Erzählerinnen mehr als nur einmal trickreich und unerwartet den Boden unter den Füßen weg. Manchmal offenbart sich Horror in nur einem einzigen Wort, das zunächst unspektakulär wirkt, aber im Kontext eine giftige Bedeutung bekommt.

Die Lesenden ahnen: Am Ende werden hier natürlich nicht friedlich Geschenke ausgepackt und Kerzen ausgepustet. Wer ist hier Opfer, wer Täter? Judith Merchants raffinierter Psychothriller dreht die Spannungsspirale immer weiter hoch und ist bitterböse – sogar bis über den allerletzten Satz hinaus.

Man sollte schon misstrauisch werden, wenn man dieses Buch von seiner Schwester zu Weihnachten geschenkt bekommt. Besser also jetzt schon vorab lesen und für das nächste Treffen mit den Liebsten gewappnet sein …

Buchcover „Schweig!“ von Judith Merchant

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