MUSIK

Kanye West: So klingt sein neues Album „Jesus is King“

Kanye West "Jesus Is King"

Dieser Text müsste traditionell mit einer Liste der Verfehlungen und Skandale beginnen, mit denen Kanye West in den vergangenen Jahren mehr von sich reden machte als durch neue Musik: seine wirren bis infamen Aussagen über die Sklaverei oder sein Support für Donald Trump, den der Rapper bis heute nicht relativiert hat. Ganz klar ist nie, was dahintersteckt: Überzeugung? Dagegenhalten als Grundprinzip? Dummheit? Oder tatsächlich eine bipolare Störung, wie von West selbst behauptet? Gleiches könnte man sich fragen, wenn der Musiker – wie im Vorfeld bereits angedroht und durch seine in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Sunday Services untermauert – nun zu Gott gefunden und ein monothematisches Jesus-Album veröffentlicht hat.

Wenigen anderen Künstler*innen würde man so etwas durchgehen lassen: Sein für 2018 angekündigtes Album „Yandhi“ ist nach mehrmaligem Verschieben einfach gar nicht erschienen, und trotzdem hat Kanye West einen Status inne, der es ihm möglich macht, die ganze Welt auf eine Platte warten zu lassen, die mit ihrem Titel „Jesus is King“ inhaltlich schon treffend zusammengefasst ist – und ebenfalls mehrere Anläufe und Ankündigungen durch seine Ehefrau Kim Kardashian benötigte, bis sie vergangenen Freitag dann tatsächlich auf den gängigen Streaming-Portalen aufgetaucht ist.

Mindestens drei Alben lang war Kanye West ein popmusikalischer Weichensteller, der immer ein bisschen weiter war als alle anderen: 2008 wurde er für sein Autotune-Album „808s & Heartbreak“ verlacht – heute klingt es zeitgemäßer denn je; das zwei Jahre später erschienene „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ hat mit seinem so megalomanischen wie komplex arrangierten High-End-HipHop die Produktionsstandards für die Zehnerjahre gesetzt und gilt nicht wenigen als bestes Album der nun endenden Dekade; und mit „Yeezus“, nach dem sinfonischen Großwerk geradezu ein Anti-Pop-Album und vielleicht die Platte, die den Wahnsinn von Kanye West so ungefiltert einfängt wie keine andere, folgte 2013 schließlich die Selbstdekonstruktion, die mit rekontextualisierten Nina-Simone-Samples und harten musikalischen Brüchen noch heute zukünftig klingt. Das zerfahrene „The Life of Pablo“ (2016) und das Minialbum „Ye“ (2018) waren dann aber Schnellschüsse, was weniger ins Gewicht gefallen wäre, hätten sie Wests bis dahin notorisch unvorhersehbarem Œuvre mehr hinzuzufügen gehabt. Und das gilt bis zu einem gewissen Grad nun auch für„Jesus Is King“, auf dem der 42-Jährige in gerade mal 27 Minuten von allem, wofür er bis dato stand, ein bisschen macht, mal großartig, mal lustlos, mal brillant, mal lächerlich – und das die ohnehin schon vor zahlreiche unlösbare Aufgaben gestellten (ehemaligen) West-Bewunder*innen wie den Autor dieser Zeilen mit weiteren Ambivalenzen konfrontiert. Wir versuchen, dem Album Track by Track näher zu kommen.

1. Every Hour

Kanye West hat „Jesus Is King“ im Vorfeld als Gospel-Album bezeichnet, und das stimmt natürlich nur bedingt, denn natürlich ist es eine HipHop-Platte mit Gospel-Elementen geworden. Der Opener ist aber tatsächlich ein reines Gospel-Stück, interpretiert vom eigens für seine Messen akquirierten Sunday Service Choir. West selbst glänzt durch Abwesenheit, der Ton ist aber bereits gesetzt: „Sing til the power of the Lord comes down“, triumphieren die Sängerinnen – und nach einer Minute und 52 Sekunden endet das Stück, damit West dieser Aufforderung Folge leisten kann.

2. Selah

Eine erhebende Orgelmelodie setzt ein, und schon in den ersten Zeilen wird klar, dass es Kanye West mindestens genauso um die Botschaft Gottes geht wie – mal wieder – um sich selbst, der es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, sie zu verbreiten. „When I scream at the chauffeur I ain’t mean, I’m just focused“, erklärt er sich, und nimmt dann in einer selbst für West-Verhältnisse bemerkenswert albernen Zeile sogar direkt Bezug auf sein noch immer unveröffentlichtes Album „Yandhi“: „Everybody wanted Yandhi / Then Jesus Christ did the laundry.“ Nach einer Minute frohlockt ein Chor „Hallelujah“, zusammen mit Paukenschlägen und einem preiswert synthetisch produzierten orchestralen Arrangement wähnt man sich in einem Hans-Zimmer-Score. West sieht sich als Soldat in der Armee Gottes, und am Ende stöhnt und schreit er mit sich selbst um die Wette. Irre. Momentweise auch irre gut.

3. Follow God

Mit dem catchy Sample von „Can You Lose by Following God“ der 70er-Jahre-Soul- und Gospel-Band Whole Truth erinnert der Track eher an Wests frühere Werke, und würde er das Stück nicht nach knapp 1:45 Minuten abrupt mit einem Schrei enden lassen, wäre „Follow God“ vermutlich der Hit des Albums. Kanye blickt auf die Versuchungen des modernen Lebens, denen er anheimgefallen ist – zum Beispiel Instagram. „I was looking at the ‚Gram and I don’t even like likes / I was screamin’ at my Dad, he told me, ,It ain’t Christ-like`.“ Zum Glück ist Jesus in sein Leben gekommen, um ihm den richtigen Weg zu weisen. „I’m just tryna find, l’ve been lookin’ for a new way / I’m just really tryin’ not to really do the fool way“, gelobt er Besserung.

4. Closed on Sundays

Begleitet von einer melancholischen Gitarre richtet West das Wort an Kim Kardashian. „Closed on Sunday, you’re my Chick-fil-A“, singt er, und wie immer, wenn West gefühlig klingen möchte, hört sich das ein bisschen falsch an – abgesehen davon, dass er seine Ehefrau mit einer Fast-Food-Kette vergleicht, die aufgrund ihrer christlich-fundamentalistischen Agenda in den USA heftig umstritten ist, um zu illustrieren, dass Sex im Hause West-Kardashian am heiligen Sonntag tabu ist. Ansonsten zeigt er in einem zweiten Instagram-Diss diesmal auch Alternativen zum Social-Media-Gebrauch auf – gemeinsames Beten zum Beispiel: „Hold the selfies, put the ’Gram away / Get your family, y’all hold hands and pray.“ Und auch über sonntägliche Enthaltsamkeit hinaus sind Kim Kardashian klare Aufgaben zugewiesen: „Raise our sons, train them in the faith.“ Bible-Belt-R’n’B der besonders unangenehmen Sorte.

5. On God

„On God“ fällt mit seinem pumpenden Elektro-Rap musikalisch vollkommen aus dem Rahmen und klingt eigentlich viel zu modern dafür, dass West einen Song zuvor noch ultrakonservativen Familienbildern gehuldigt hat. West rechtfertigt sich dafür, dass er Götzen wie Grammy-Gewinnen oder Forbes-Magazin-Covern auf den Leim gegangen ist. „The Devil had my soul, I can’t lie“, gesteht er, aber was soll man machen: „Life gon’ have some lows and some highs.“

6. Everything We Need (feat. Ty Dolla $ign & Ant Clemons)

Eine Ode an die Genügsamkeit als unspektakulärer, Trap-informierter R’n’B-Song, in dem auch Ty Dolla $ign und Ant Clemons ein paar Zeilen rappen respektive singen – zumindest so viele, wie es ihnen in nicht einmal zwei Minuten möglich ist, die West auch dazu nutzen will, noch einmal seinen Sinneswandel auf den Punkt zu bringen: „Switch my, switch my attitude / I’m so, I’m so radical.“

7. Water (feat. Ant Clemons)

„Jesus, flow through us / Jesus, heal the bruises / Jesus, clean the music“, betet West, wobei er mit dem letzten Imperativ wohl vor allem seine eigene Musik meint, die er akribisch von sämtlichen Schimpfwörtern gereinigt hat – ein Prozess, dem auch der Track „New Body“ zum Opfer gefallen ist, weil Nicki Minaj darauf wohl einmal geflucht hat. Vielleicht wäre das der spannendere Song gewesen als der soulige Schmalz von „Water“ – vermutlich werden wir das nie erfahren.

8. God Is

Kanye singt wieder – diesmal funktioniert es, indem er sich erstaunlich überzeugend an alte Soul-Crooner anlehnt. Etwa zur Hälfte hin erweitert er das bis dahin recht traditionell gehaltene Gospel-Stück um einen „808s & Heartbreaks“-Gedächtnis-Beat und ein gepitchtes Stimm-Sample, während er darüber singt, wie er das Wort Gottes in die Welt singt: „I can’t keep it to myself, I can’t sit here and be still / Everybody, I will tell ‚til the whole world is healed.“ Man beginnt zu hoffen, dass West, der angekündigt hat, von nun an nur noch christliche Musik zu machen, bald vom Glauben abfallen möge – zumal Zweifel in der Regel die interessantere Kunst hervorbringen als bedingungslose Gottergebenheit.

9. Hands On (feat. Fred Hammond)

Hier hat die religiöse Euphorie kurz Pause, damit sich West als unverstandener Heilsbringer inszenieren – und im Zuge dessen auch mit seinen Glaubensgenoss*innen ins Gericht gehen kann. „Said I’m finna do a gospel album / What have you been hearin’ from the Christians? / They’ll be the first one to judge me / Make it feel like nobody love me“, klagt er. Musikalisch ist „Hands On“ ein Höhepunkt: Eine schleppende elektronische Miniatur, in der Wests Lamento von Vocoder-Samples und einem dumpfen, signalhornartigen Ton begleitet wird.

10. Use This Gospel (feat. Clipse & Kenny G)

Als „Chakras / Laws of Attraction“ existiert dieser Song bereits in einer Version aus den mittlerweile geleakten „Yandhi“-Sessions, den Text hat West für „Jesus Is King“ natürlich gottesfürchtig anverwandelt: „Use this gospel for protection / It’s a hard road to Heaven / We call on your blessings / In the Father, we put our faith“, heißt es im hymnischen Refrain, mit dem West an seine größten Popmomente anknüpft. Die Steigerung im letzten Drittel hat er in dieser Neuaufnahme durch ein nicht umcharmant deplatziertes Saxofon-Solo von Kenny G ersetzt, dafür stellt weiterhin der mittlerweile berüchtigte Car-Door-Sound den Beat – eine der besseren Ideen, die West in den vergangenen Jahren hatte.

11. Jesus Is Lord

West singt davon, dass Jesus unser Herr ist und wir deshalb vor ihm Abbitte leisten sollten, und wenn die frenetische Bläsermelodie in Sekunde 49 auf ihren Höhepunkt zusteuert, bricht West den Song – und damit auch das Album – einfach ab. Ein Closer, so unbefriedigend wie das Gesamtwerk.

Michael S. Bendix

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