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Karine Tuil: Die Gierigen

Dieser Mann konnte nicht Samir sein. Dieser New Yorker Anwalt, der im Edelanzug einen medienwirksamen Prozess führte. Dieser gewitzt und geschmeidig debattierende Mann im Fernsehen konnte unmöglich Samir Tahar sein. Und doch, er war es: Samir Tahar, der als arabischer Immigrantensohn in der Pariser Banlieue aufgewachsen und mit Nina und Samuel befreundet gewesen war, als sie gemeinsam studierten – und bevor sie sich seinetwegen um ein Haar getrennt hätten. Das war vor 20 Jahren.

Die Internetrecherche fördert zutage, dass ihr einstiger, damals so schweigsamer Kommilitone sich seitdem wider Erwarten zu einem angesehenen Juristen gemausert hat, der in die absolute upper class New Yorks eingeheiratet hat und dem Zeitschriften Portraits widmen. Frappierend ist allerdings ein anderes Detail: Dieser Mann nennt sich nicht Samir, sondern Samuel – und hat von diesem nebst dem Namen gleich noch ein paar andere biografische Eckpunkte übernommen. Unklarheiten müssten bei einem gemeinsamen Treffen beseitigt werden, befindet Samuel. Ein Spiel mit dem Feuer, wie er selbst ahnt, bei dem auch seine kriselnde Beziehung zu Nina auf dem Spiel steht, doch dass seine Biografie für das Luxusleben eines Vertrauensbrechers wie Samir herhält, während er selbst als erfolgloser Autor dahindümpelt, ist inakzeptabel. Es kommt also zum Wiedersehen …

Die Französin Karine Tuil nimmt mit ihrem Roman „Die Gierigen“ die Zusammensetzung und Herleitung verschiedener Identitäten in den Blick. Das tut sie äußerst aufmerksam, sie ist präzise und trennscharf, ohne je ins Belehrende zu verfallen. Samirs beruflicher und gesellschaftlicher Aufstieg wirkt wie ein Affront gegen das mittelständische Leben von Nina und Samuel – während sich Samir auf der anderen Seite so sehr an die Vorzüge seines neuen Lebens gewöhnt hat, dass diese ihm eine Offenbarung seiner wahren Vergangenheit unmöglich machen und ihn so eines Teils seiner Identität berauben. Oder?

Trotz sprachlichem Drall und einer zuweilen atemlosen Geschwindigkeit steckt immer wieder eine brutale Kraft in Tuils Worten, die sich rein aus der Bedeutung speist, die sie haben: für die Figuren, und für uns. Wie sehr ist unser Selbstbild von Relationsdenken und den Errungenschaften anderer geprägt? Wie frei bewegen wir uns in unserer Umwelt? Was bleibt vom Selbst, wenn man Fremdeinflüsse subtrahiert? Tuil stellt ambitionierte Fragen, bei deren Beantwortung sie sich insbesondere um eines verdient macht: Sie ist in der Lage, schmerzhaft exakt zwischen Einwirkungen von außen und Selbstbestimmung zu unterscheiden, und sie vermeidet dabei moralische Beurteilungen. Im Kern ist Tuils Thema zeitlos – und doch ist „Die Gierigen“ ein Roman von geradezu zeitdiagnostischer Qualität. Vor allem aber ist er einer, der sich seinem Titel angemessen liest. (lan)

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