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Katja Kettu: Wildauge

Basierend auf den Aufzeichnungen ihrer Großmutter hat die Finnin Katja Kettu mit „Wildauge“ einen Roman geschaffen, den man mehr als einmal aus der Hand zu legen erwägt. Ihre Erzählung von einer unwahrscheinlichen Liebe während des Lapplandkrieges im Jahr 1944 ist brutal, von derber Sprache, verstörend – und muss womöglich genau das sein. Ansonsten gelänge ihr wohl kaum, die Zerrüttungen eines Krieges so eindringlich spürbar zu machen: die moralische Depravierung, Angst, Entmenschlichung, ins Wanken geratender Glaube.

„Wildauge“ erzählt die Geschichte einer finnischen Hebamme und eines deutschen SS-Offiziers, die sich inmitten der Kriegswirren verlieben. Um Johann nahe sein zu können, lässt Wildauge, wie der sie kosend zu nennen pflegt, sich in dasselbe Gefangenenlager versetzen, in dem auch er stationiert ist – und wird Zeugin des Krieges in all seiner atemnehmenden Graumsamkeit.

Kettu erzählt ihre Geschichte in schroff-poetischen Bildern und vermag es, den Leser an die Geschichte zu binden und um Momente der Menschlichkeit barmen zu lassen – allerdings braucht es eine lange Zeit, um tatsächlich ins Geschehen zu finden. Die Beschreibung sexueller Fantasien und Handlungen, die Kettu den Schilderungen des Krieges gegenüberstellt, steigern sich indes bis ins Pornohafte und wirken enervierend selbstzweckhaft. Mit der Betonung des Vulgären schießt Kettu wiederholt übers Ziel hinaus – und doch ist es gerade die sprachliche Ungezähmtheit, die der inhaltlichen Ebene gerecht wird. (lan)

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