FILM

Spanischer Alptraum á la David Lynch

Die Serie „Kein Friede den Toten“ ist perfekt inszeniert, hat einen subtil-beängstigenden Score und weiß mit mehr als nur interessanten Figuren aufzuwarten. Kurz: Die spanische Verfilmug des Romans „The Innocent“ von Harlan Coben ist mehr als gelungen.
Jede Folge der Serie stellt eine wichtige Figur der Gesamthandlung vor, nicht einfach mit einer Vorgeschichte, sondern mit einem ganzen Lebenslauf. Da ist Mat, von dem wir in der ersten Folge erfahren, wie er vor zwölf Jahren in eine Schlägerei geriet und dann wegen Totschlags für vier Jahre einsaß. Da ist Lorena, die Ermittlerin, die im Waisenhaus aufgewachsen ist, nachdem ihr Vater sich erschossen hatte, als sie noch klein war. Und da ist die tote Nonne, die keine Nonne war. Zumindest die beiden ersten Folgen wirken bis auf die letzte Minute von Folge zwei, als wäre „Kein Friede den Toten“ eine Episodenserie.
Doch dem ist nicht so. Die Thrillerserie hat ihre Stärke nämlich auch im gezielten Fokus auf jeweils nur eine Geschichte. Dadurch entstehen beim Betrachten beträchtliche Wissenslücken, die man nicht mal registriert, sondern erst rückwirkend mit Erstaunen zur Kenntnis nimmt. Regissesur Oriol Paulo verbindet diese Einzelgeschichten gerne gegen Ende einer Episode mit einer anderen Einzelgeschichte, operiert dabei auch noch mit einem Cliffhanger und ist filmästhetisch im positiven Sinne gänzlich abgefeimt.
Er bedient sich zumindest in den ersten beiden Folgen schamlos beim Thriller „Lost Hightway“ von David Lynch. Natürlich werden heute keine Videocassetten mehr vor die Haustüre gelegt, die Videos aus dem Schlafzimmer werden vielmehr aufs Handy geschickt. Hinzu kommt die völlige Unkenntnis, aus welcher Ecke die Bedrohung kommen könnte, auch wenn sich der Fremde nackt neben Mats im Bett liegende und schlafende Freundin Olivia positioniert und dabei filmt.
„Kein Friede den Toten“ ist ein schrecklicher Titel. Allerdings gibt die Serie keinen Frieden, bis man alle Folgen möglichst am Stück gesehen hat. Und sie gibt außerdem keinen Frieden, bis man überzeugt ist, dass Spanien mit guten Netflix-Serien zunehmend die Nase vorne hat. jw

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