MUSIK

King Krule : Plötzlich Prinzessin auf „Man alive!“

Spricht da wirklich Archy Marshall? „Ich bin aufs Land gezogen, wo ich weder rauche noch trinke, und mir geht es jetzt sehr viel besser“, sagt er. Grund für den radikalen Wandel ist die Geburt seiner Tochter Marina im März 2019, und wenn der 25-Jährige nun von seiner neuen Verantwortung spricht, dürfte das dritte King-Krule-Album ihn selbst hochgradig irritieren. Mit „Man alive!“ kehrt er zurück in seinen angestammten Südlondoner Stadtteil Peckham und berichtet aus der Zeit vor der Vaterschaft, als er noch in einer von Drogen und Depression befeuerten Lethargie festhing.

Gewohnt eindringlich

„Boy on the ground with his pants down/What happened to him in his past life?/Spilled blood from his dome, in his past time/Has it happened again, is the skull sliced/Is the gold fine?/At least my nose I ain’t bent“, singt er etwa mit charakteristischer Baritonstimme in dem Song „Comet Face“, der wie ein vergessener Tuxedomoon-Klassiker aus den 80ern klingt. So kennen wir King Krule: Schon immer konnte man Marshalls ganz und gar eigenen Sound zwischen Jazz, Blues, Punk und HipHop auf den Exzess und seine verzweifelten Streifzüge durch das nächtliche London zurückführen. Doch während er sie auf dem gefeierten „The Ooz“ als Rahmen für gesellschaftliche Reflexionen und einen 67-minütigen Selbstfindungstrip genutzt hat, stehen die Momentaufnahmen seiner Abstürze hier unverbunden nebeneinander – was deren Eindringlichkeit noch erhöht.

King Krules Heldenreise

„Man alive!“ ist seine kompakteste und dramaturgisch bisher cleverste Albumveröffentlichung. Während die aggressiveren, hektischen Stücke am Anfang stehen, dominieren ganz reduzierte, zerbrechliche Songs die zweite Albumhälfte, und eine Auflösung folgt erst ganz am Ende mit der Katharsis von „Please complete thee“. Doch so wie man schon jetzt „Man alive!“ auf der Liste mit den spektakulärsten Platten des Jahres 2020 notieren kann, muss man sich zugleich auch besorgt fragen, wie King Krule zukünftig funktionieren wird, wenn Marshall jetzt vernünftig ist. Auf die anstehende Tour hat er jedenfalls Bock. „Ich werde es langsam angehen lassen, aber natürlich werde ich auch ab und an ein Bierchen trinken“, sagt er. cs

Live

8. 3. Berlin

Tickets gibt es bei Eventim.

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