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Lucy van Kuhl: Keine Routine in der Provence

Portraitfoto Lucy van Kuhl, trägt rosa Shirt
Foto: Alexej Hermann

Lucy van Kuhl bietet mit ihrem Album „Auf dem zweiten Blick“ ein Rezept für frisch bleibende Liebe. Ob sie wohl deshalb so oft in Südfrankreich besucht wird?

Lucy van Kuhl, mit dem Lied „Haus in der Provence“ haben Sie einen beißenden Kommentar auf dem Album „Auf dem zweiten Blick“ …

Lucy van Kuhl: Auf jeden Fall, und so soll es auch sein. Denn ich habe da ein tiefer gehendes Problem, gerade weil ich ein Haus in der Provence habe.

Das Lied handelt von der sommerlichen Okkupation Ihres zweiten Wohnsitzes in Frankreich durch Freunde und Verwandte, bis Sie auf Facebook bekanntgeben, es verkaufen zu wollen. Meine geplante Frage, ob ein Fünkchen Wahrheit im Text steckt, haben Sie bereits andeutend beantwortet.

van Kuhl: Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber die meisten Beispiele im Song sind wirklich aus dem Leben gegriffen. Als ich 2016 mit meinem Freund das Haus gekauft habe, hat sich das erst mal gar nicht so rumgesprochen. Dann haben aber sehr viele Leute gemerkt, dass man da wohl mal hinfahren müsste. Einmal hatten wir 25 Gäste innerhalb eines Jahres. Da merkt man, was passt und was nicht passt. Der Text ist natürlich überspitzt. … In manchen Fällen aber auch nicht.

Eine Botschaft ist es gleichwohl.

van Kuhl: Das Lied ist eine Botschaft, und gleichzeitig ist es auch etwas selbstironisch. Denn wenn man sagt, dass man ein Haus in der Provence hat, denken alle immer: Ach, wie toll! So gebe ich mit dem Lied auch die Möglichkeit der Schadenfreude.

„Wenn man jemanden schon länger kennt, schleicht sich bei vielen Menschen eine Routine ein, die Eigenständiges vermissen lässt. Was ja nicht bedeutet, dass man den anderen nicht mehr liebt, sondern dass man einfach ein bisschen Freiraum haben will, um dann auch wieder was zu erzählen zu haben.“ Lucy van Kuhl im Interview über ihr neues Album „Auf den zweiten Blick“

Für mich gibt es zwei zentrale Lieder auf dem Album: „Auf den zweiten Blick“ und „Ich will dich“. Sie drücken das erstmalige Erkennen von Liebe und das Bedürfnis nach dem Vermissen des anderen aus – als elementaren Bestandteil frisch gebliebener Liebe.

van Kuhl: „Ich will dich“ ist für mich auf alle Fälle ein zentraler Song. Wenn man jemanden schon länger kennt, schleicht sich bei vielen Menschen eine Routine ein, die Eigenständiges vermissen lässt. Was ja nicht bedeutet, dass man den anderen nicht mehr liebt, sondern dass man einfach ein bisschen Freiraum haben will, um dann auch wieder was zu erzählen zu haben. Aber mein zentraler Song ist wirklich „Wo ist Frau Schmidt?“, und „Prinzessin sein“ ehrlich gesagt auch ein bisschen. Die zentrale Idee bei „Prinzessin“ war, völlig wertneutral darzustellen, dass Kinder sich entwickeln können, wie sie es wollen. Das kann in Richtung Transgender gehen, muss aber nicht. Das kann jeder deuten, wie er möchte.

Könnte man das Album statt „Auf den zweiten Blick“ vielleicht auch „Ausbrechen“ nennen? Oder „Erneuerung“?

van Kuhl: Ja. Denn sobald man sich vom ersten Blick löst, geht man ja schon den Schritt, etwas neu zu betrachten. Die Erneuerung ist im zweiten Blick schon mit drin.

Mir scheint Ihr Lebensprinzip, zwei Wohnsitze zu haben, schon ein Konzept zu sein, um verkrusteten Strukturen entgegenzuwirken.

van Kuhl: Ich bin nun ja nicht nur zwischen den beiden Wohnsitzen unterwegs, sondern als Künstlerin in ganz Deutschland. Da würde ich Routine manchmal als sehr schön für mich betrachten. Aber es passiert bei mir im Grunde nichts routiniert. Und ich bin da auch sehr wachsam, denn ich finde es nicht gut, wenn man sich nur in der Komfortzone bewegt.