MUSIK

Unsterblich: Marianne Faithfull

Marianne Faithfull veröffentlicht an der Seite von Warren Ellis ihr neues Album „She walks in Beauty“
Foto: Rosie Matheson

Dieses Mal hat das Totenglöckchen für Marianne Faithfull besonders laut geläutet. Im vergangenen Sommer war die 74 Jahre alte und multipel vorbelastete Britin an Covid-19 erkrankt und lag für eine Weile gar im Koma. In ihrem Arztbericht, den sie später zu lesen bekam, habe die Anmerkung „nur noch Palliativversorgung“ gestanden, hat Faithfull einer englischen Tageszeitung erzählt. Die Mediziner hatten ihre Patientin also praktisch schon aufgegeben – was sich glücklicherweise als voreilig erwiesen hat. „Wir kennen doch Marianne“, sagt Warren Ellis lachend. „Sie lässt sich nicht kleinkriegen. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten hat sie sich bislang jedes Mal wieder berappeln können. Aber tatsächlich habe auch ich befürchtet, dass es diesmal wirklich eng werden könnte.“ Faithfull leidet an chronischen Lungenproblemen, sie hat jahrelang harte Drogen wie Heroin konsumiert, war an Krebs und Hepatitis C erkrankt, und zuletzt entzündete sich vor einigen Jahren eine gebrochene Hüfte. „Es war tatsächlich ein Wunder, dass sie es geschafft hat“, sagt Ellis.

Der in Australien geborene und in Paris lebende Multi-Instrumentalist Ellis ist vor allem als Mitglied von Nick Caves Band The Bad Seeds bekannt. Er ist aber auch seit dem ersten gemeinsamen Album „Before the Poison“ aus dem Jahr 2003 ein enger Freund und treuer Kollaborateur der einstigen Mick-Jagger-Muse, die als blutjunges Mädchen mit „As Time goes by“ die Sechziger noch ein bisschen mehr zum Schwingen gebracht hat. Über die Jahrzehnte konnte sich Faithfull nicht nur einen Ruf als unzerstörbarste Frau des Musikgeschäfts erkämpfen, sondern auch als abenteuerlustige und ausdrucksstarke Künstlerin. „She walks in Beauty“ ist nun das Meisterstück an der Seite von Ellis. Marianne Faithfull singt auf diesem Album nicht, sie spricht. Doch eigentlich sollte man besser sagen: Sie zieht in die Gedichte der britischen Romantiker des 19. Jahrhunderts mit ihrer Stimme ein, sie lebt in ihnen. Schon mit 13 hat sich Faithfull in die Lyrik von John Keats, Lord Byron oder Lord Alfred Tennyson verliebt. Ursprünglich hat sie nach der Schule Englische Literatur studieren wollen – doch dann kam ihr eben die Popkarriere dazwischen.

Die meisten Stücke hatte Faithfull bereits vor ihrer Erkrankung eingesprochen. „Während des Lockdowns habe ich einfach den ganzen Tag Mariannes Worte auf mich wirken lassen und nach und nach die Musik dazu geschrieben“, erzählt Warren Ellis. „Das ist für mich regelrecht ein meditativer Prozess gewesen. Während der Rest der Welt mehr und mehr am Rad gedreht hat, konnte ich mich in diesem herrlichen Projekt verlieren.“ Doch ein bisschen kämpfen musste er auch, bis sich in der englischen Poesie eingerichtet hatte. „Ich bin in Australien mit viel Sonne aufgewachsen. Das ist eine Welt, die nicht weiter weg sein könnte vom England der Viktorianischen Zeit. Aber mit Hilfe von Mariannes Stimme sind diese bleischweren Worte für mich lebendig geworden. Sie hat sich mit dieser Lyrik mehr denn je unsterblich gemacht.“

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