Zum Inhalt springen

Max Raabe: „Wer hat hier schlechte Laune?“

Max Raabe wie gewohnt im schwarzen Anzug posiert mit einem Zebra namens Mango
foto: Gregor Hohenberg / Deutsche Grammophon

Max Raabe im Gespräch über gute Laune, aktuelle Ballermann-Hits, sein Schauspieldebüt bei „Babylon Berlin“ – und ein Zebra namens Mango.

Max Raabe, ist das Lied „Es wird wieder gut“ vom neuen Album „Wer hat hier schlechte Laune?“ Ihr Beitrag zur momentanen Stimmung?

Raabe: Mir ist es wichtig, mit meiner Musik Optimismus zu verbreiten. Aber nichts, was auf dem neuen Album zu hören ist, soll die Welt erklären. Das ist gar nicht mein Anspruch. Ich greife nicht auf, was ich jeden Tag in der Zeitung lese. Ich möchte, dass die Leute die Welt und die Realität vergessen, wenn sie bei uns im Konzert sind oder das Album hören. Meine Lieder haben immer eine leichte ironische Distanz, auch zum Nachrichtengeschehen.

Der Song hat etwas sehr Tröstliches und Berührendes.

Raabe: Das Stück ist schon anrührend, das stimmt. Das liegt an den Harmonien, die Achim Hagemann, mit dem ich das Stück geschrieben habe, sich ausgedacht hat. Schon in der Einleitung hat dieses Lied etwas Zartes und Zerbrechliches. Es nimmt ernst, wenn jemand eine schlechte Phase hat. Aber dann kommt am Ende die Samba-Band anmarschiert und bläst die Melancholie weg. Die Aussage des Songs ist in jedem Fall eine sehr positive.

Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Raabe: Ich erkenne an mir sehr vieles von meinen Eltern wieder. In vielen Dingen bin ich wirklich der Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Vor allem meine Mutter hatte immer einen tiefen Optimismus, ohne das jedoch zu predigen. Sie hat ihn einfach ausgestrahlt. Mit der Corona-Malaise bin ich auch deshalb vergleichsweise gut zurechtgekommen, weil ich mir gesagt habe: Ich bin nicht schuld daran, dass wir nicht spielen können. Es liegt nicht daran, dass wir schlechter geworden sind oder uns niemand mehr sehen möchte. Es liegt nur an den äußeren Umständen.

Ungleich amüsanter sind die äußeren Umstände in dem Stück „Das mit uns könnte was werden“. Hier haben Sie morgens um 8.10 Uhr eine zufällige Begegnung in einem Zug …

Raabe: … was weiß Gott nicht meine Zeit ist (lacht). Es lohnt sich nicht, sich mit mir zum Frühstück zu verabreden. Auch nicht zum späten, um das Wort „Brunch“ mal zu vermeiden. Aber der Zug fährt in diesem Fall pünktlich los. „Das mit uns könnte was werden“ ist kein Spottlied auf die Bahn.

Später singen Sie „Irgendwann kommen wir an“.

Raabe: (lacht) Ich merke, diese vorsichtige Anspielung ist bei Ihnen angekommen. An mein Fahrrad kommt natürlich kein anderes Verkehrsmittel ran. Ich habe es schon seit vielen Jahren. Man kann von einer alten Gurke sprechen, doch für mich ist es perfekt.

Auf dem Albumcover von „Wer hat hier schlechte Laune?“ posiert Max Raabe mit einem Zebra. Sie sehen sehr gut zusammen aus.

Raabe: Vielen Dank. Das brave Tier heißt Mango und arbeitet hauptberuflich als Zebra. Ein wirklich ganz liebes Tier. Ich glaube, es fand unseren Ausflug ganz spannend. Ist ja auch besser, als den ganzen Tag im Stall zu stehen. Aber natürlich hat das Zebra rein gar nichts damit zu tun, was wir auf dem Album machen. Genauso wenig wie die Enten auf „Für Frauen ist das kein Problem“ oder der Hund auf dem Cover von „Küssen kann man nicht alleine“. Irgendwie ist es jetzt Tradition, dass wir Tiere dazu holen.

Tickt so ein Zebra ähnlich wie ein Pferd?

Raabe: Das hatte ich gedacht, aber die haben mit Pferden eigentlich gar nichts zu tun. Mit Pferden kenne ich mich ein bisschen aus, ich komme ja vom Land und bin früher viel geritten. Also habe ich ihm ein paar kleine Kekse auf der Handfläche angeboten, doch da hat er mich erstmal ein bisschen gezwickt.

Sie scheinen sowieso ziemlich tierlieb zu sein. In „Hummel“ kommunizieren Sie ein ganzes Lied lang mit ganz unterschiedlichen Lebewesen.

Raabe: Annette Humpe, mit der ich das Stück geschrieben habe, kam irgendwann im Sommer durch die Tür und sagte „Ich möchte mal ’ne Hummel streicheln“. Und ich: „Eine von den dicken, weichen?“ So ist es mit der Idee losgegangen. Mir fallen jetzt immer noch neue Reime ein – mit Hirschen durch die Wälder pirschen. Diese lustigen Wortspielereien machen mir einfach sehr viel Spaß.

„Ich achte beim Singen immer darauf, dass ich nichts vernuschele und immer gut verständlich bin.“ Max Raabe im Interview zu seinem neuen Album „Wer hat hier schlechte Laune?“

Sprache ist Ihnen generell wichtig, oder?

Raabe: Ja, sehr. Ich achte beim Singen etwa immer darauf, dass ich nichts vernuschele und immer gut verständlich bin. Ich weiß, dass in Sprachkursen öfters mal unsere Musik zum Einsatz kommt. Bei der Einreise in die USA habe ich mir mal meinen Stempel abgeholt, und da hat der Grenzbeamte gesagt: Oh, Herr Raabe, ich habe mit Ihrer Musik Deutsch gelernt. Kussen kann man nik alleine. Das fand ich sehr nett.

Heute wird viel über die derben Ballermann-Hits geschimpft, aber wenn man sich die Lieder der Weimarer Zeit mal genauer anhört, fällt auch auf, wie wenig jugendfrei die sind.

Raabe: Das stimmt, es geht dort auch schon mal deftig zur Sache. Nur, dass damals die Wortwahl wesentlich eleganter war. Auch „Heut’ war ich bei der Frieda, das tue ich morgen wieder“ handelt von einer Prostituierten – allerdings mit einem weniger ruppigen und wesentlich süffisanteren Text, als das bei heutigen Stimmungshits oft der Fall ist.

Süffisant und deftig geht es auch in der Serie „Babylon Berlin“ zur Sache. Mit „Ein Tag wie Gold“ haben Sie das Titelstück der neuen Staffel beigesteuert. Außerdem spielen sie in einer Folge auch mit. Kommt endlich zusammen, was zusammengehört?

Raabe: Der Regisseur Tom Tykwer mag die Stücke, die ich mit Annette Humpe schreibe, und hat gefragt, ob wir nicht eins für „Babylon Berlin“ verfassen wollen. Und was soll ich sagen? Es war mir eine große Freude. „Ein Tag wie Gold“ greift den Tanz auf dem Vulkan und die Energie der Nacht, die in den Adern brennt, sehr schön auf, wie ich finde. Und endlich muss ich jetzt nicht mehr in jedem Interview erklären, warum ich noch nicht in der Serie mitgespielt habe (lacht).

Im Dezember werden Sie 60. Kann das Alter einer zeitlosen Erscheinung wie Ihnen überhaupt etwas anhaben?

Raabe: Zeitlos bin ich nur, wenn man oben im Rang sitzt. Mein Rasierspiegel erzählt Ihnen etwas anderes. Aber im Kopf fühle ich mich an manchen Tagen immer noch wie 23. Ich freue mich, dass ich immer noch Musik machen und singen kann, dass ich fit bin, keine schweren Krankheiten und einen guten Freundeskreis habe. Es gibt so viel, für das ich jeden Tag dankbar sein kann – und das bin ich auch.