MUSIK

„Higher“ von Michael Bublé: Schmerz, lass nach!

Portraitfoto Michael Bublé auf Sofa
Foto: Warner Music

Michael Bublé, du veröffentlichst dein neues Album „Higher“. Aber was ist los? Muskelkater? Oder bist du beim Eishockey zu hart gegen die Bande gecheckt worden?

Michael Bublé (lacht): Weder noch. Ich habe mir die Schulter beim Tanzen gezerrt.

Beim Tanzen?

Michael Bublé: Ja, wir haben gerade mein Video zur neuen Single „Higher“ gedreht, und da geht es wirklich ganz schön ab. Meine wunderschöne Frau spielt auch mit. Wir reisen durch einige der romantischsten Filme aller Zeiten und landen sogar auf der Titanic. Am Ende tanze ich wieder durch den Supermarkt aus jenem Video zu „Haven’t met you yet“ aus dem Jahr 2009, in dem meine Frau das Mädchen an der Kasse gespielt hat. Wie lange das schon wieder her ist! Damals hatten wir gerade erst angefangen, miteinander auszugehen. Heute haben wir drei wundervolle Kinder, sind durch Höhen und schreckliche Tiefen gegangen und nun so glücklich wie vielleicht nie zuvor.

Vielleicht wäre eine Massage das Richtige.

Bublé: Wir haben gestern Abend eine Paarmassage gemacht. Es war herrlich, aber der Schulter hat auch das nicht geholfen.

Täuscht es, dass das gesamte „Higher“-Album einen ziemlich romantischen und verliebten Eindruck macht?

Bublé: Nein, das täuscht ganz und gar nicht. Genau so ist es. Ich bin unendlich verliebt: in meine Frau Luisana, in unsere Kinder, in das Leben insgesamt und ganz besonders auch wieder in meine Arbeit. Sogar unser Hund liebt die neuen Songs. Ich habe mich noch keinem meiner Alben so verbunden gefühlt wie „Higher“.

Welche kreativen Quellen hast du für die neuen Lieder auf „Higher“ angezapft?

Bublé: Ich schaue sehr cineastisch auf Musik und liebe das Drama in einem Song. Ich genieße es, Hand in Hand mit Arrangeuren zu arbeiten und Stücke zu finden, die unglaublich starke Melodien haben, unterstützt von Texten, die dich wirklich etwas spüren lassen. Eigentlich ist es ganz einfach: Ich will, dass die Leute den Schmerz, die Hoffnung, die Traurigkeit, die Euphorie und die Liebe in jedem einzelnen meiner Lieder nachempfinden können. Ich will bewegen und Gänsehaut verursachen.

So wie in „Smile“, das ursprünglich von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936 stammt, und von dir mit großem Chor und Orchester extrem monumental interpretiert wird.

Bublé: Exakt. „Smile“ war der allererste Song, an dem ich für dieses Album gearbeitet habe. Ursprünglich war er für Captain Sir Tom Moore gedacht, den englischen Kriegsveteranen, der am Anfang der Corona-Pandemie 2020 täglich durch seinen Garten gelaufen ist, um Geld für den britischen Gesundheitsdienst NHS zu sammeln. Er ist im vergangenen Jahr im gesegneten Alter von 100 Jahren verstorben, und seine Familie bat mich gebeten, meine Version des Liedes bei seiner Beerdigung zu spielen. Was für eine riesengroße Ehre! „Smile“ ist ein Song über Trauer und menschliche Verzweiflung, doch zugleich geht es darin um Hoffnung und um unsere Fähigkeit als Menschen, uns durch die schrecklichsten Erlebnisse hindurchzukämpfen.

Deine Söhne Noah und Eli sind acht und sechs. Sollen die Jungs später mal mit dir zusammen auf der Bühne stehen?

Bublé: Meinst du, das wollen die? Ich bin doch jetzt schon ein alter Sack. (lacht)

Aber du bist doch recht emsig auf Tiktok.

Bublé: Stimmt auch wieder. Klar wäre es cool, mit den Kids die Bühne zu teilen. Aber das müssen die schon selbst entscheiden, ich zwinge die zu nichts außer zum Zähneputzen. Klar ist aber schon jetzt, dass beide supermusikalisch sind. Sie würden am liebsten den ganzen Tag am Klavier sitzen und spielen.

Du hast „Higher“ vornehmlich zu Hause aufgenommen. Konntest du dich einigermaßen konzentrieren?

Bublé: Ich musste mich ein wenig umorganisieren. Ich bin immer ein Nachtmensch gewesen und war dann morgens nicht gerade der Munterste. Während Corona hat mich meine Frau an einen regelmäßigeren Tagesablauf gewöhnt. Abends, nachdem die Kinder im Bett waren, haben wir uns oft hingelegt und irgendwas auf Netflix geschaut. Oh Mann, wir haben wieder angefangen, uns zu daten. Wir fühlten uns enger verbunden als je zuvor und sind uns richtig, richtig nah.

2016 ist dein Sohn Noah an Leberkrebs erkrankt. Nach einer kräftezehrenden Behandlung gilt er heute als geheilt.

Bublé: Sehr früh in dieser Pandemie haben meine Frau und ich zusammen im Auto gesessen, und dann ist sie plötzlich wahnsinnig heftig in Tränen ausgebrochen. Wir waren gerade in einem Krankenhaus gewesen und hatten dort mit einem Arzt gesprochen, der uns gesagt hat, wie sehr sie sich um die Kinder sorgen, die gerade eine Chemotherapie bekommen. Sie haben einfach weniger Widerstandskräfte und bekommen leichter Corona. Von da an haben wir gewusst, dass wir für solche Menschen, für die Schwachen, Partei ergreifen wollen. Ich habe mich zum Teil auch für die Leute aus meiner Branche geschämt, die in ihren fetten Villen sitzen und frei von jeder Demut oder Selbsterkenntnis darüber stöhnen, was sie alles nicht machen können. Einfach nur widerlich.

Während der Krankheit deines Sohnes gab es sogar Gerüchte, du würdest eventuell deine Karriere beenden.

Bublé: Sie war mir von einem Augenblick auf den nächsten egal geworden. Und selbst als mein Sohn die Krankheit überstanden hatte, war ich noch nicht bereit, wieder ein Album zu machen. Das Comeback 2018 mit „Love“ ist zu früh gekommen. Ich bin da noch in einem komplett erschöpften Zustand gewesen.

„Ich bin wieder in der Verfassung, 100 Prozent zu geben.“ Michael Bublé über sein neues Album „Higher“

Denkst du, jetzt bist du soweit?

Bublé: Ich bin wieder in der Verfassung, 100 Prozent zu geben. Endlich ist mein Herz wieder richtig dabei. Und ich habe keine Angst mehr: keine Angst, mit Ryan Tedder in einem Raum zu sitzen. Keine Angst, Sir Paul McCartney anzurufen, um mit ihm meine Version seines Songs „My Valentine“ zu produzieren. Wovor sollte ich denn noch Angst haben?

Eventuell vor der Reaktion deiner Mutter angesichts des ein wenig kitschigen Songs „Mother“?

Bublé: (lacht) Ich fand die Nummer ehrlich gesagt auch erst etwas zu sentimental und hätte sie fast nicht mit aufs Album genommen. Aber meine Schwester hat darauf bestanden. Und ich kann es nicht anders sagen: Mum liebt „Mother“.

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