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Allein im Weltall

Michael Wollny auf einem Stuhl im Schatten
(Foto: joergsteinmetz.com)

Auf seinem ersten Soloalbum fragt Michael Wollny, was es bedeutet, als Solokünstler zu arbeiten. Antworten lieferte ihm ein Blick gen Himmel.

Michael, „Mondenkind“ ist dein erstes Soloalbum. Warum gerade jetzt?

Michael Wollny: Ich hab in der Vergangenheit immer wieder mal Solokonzerte gespielt, die auf freien, langen Improvisationen beruht haben. Bei dem Album hatte ich aber das Bedürfnis, mich mal alleine mit dem Instrument auseinanderzusetzen und Stücke zu erforschen, die zusammen eine geschlossene Erzählung ergeben. Dass ich das Album mache, stand aber schon vor ein bis zwei Jahren fest, weil ich meine Projekte immer im Voraus plane. Dass dann im April überhaupt nur Soloaufnahmen möglich waren, das war Zufall.

Würdest du trotzdem sagen, dass der Lockdown die Entstehung des Albums beeinflusst hat?

Wollny: Beim Vorbereiten der Aufnahmen habe ich ehrlich gesagt gar nicht so viel über den Lockdown nachgedacht. Aber als ich sie ein paar Wochen später dann gehört habe, wurde mir schon bewusst, dass sie von dieser Zeit geprägt sind. Ich habe das Album in einem klassischen Studio aufgenommen, in dem die Mikrofone in relativ großem Abstand zum Instrument stehen. Es ermöglicht eine sehr innige, kammermusikartige Art des Musizierens. Das hat sich stark mit der Umgebung des Lockdowns, der Einsamkeit im Studio und im Hotel und dem Alleinsein mit der Musik verbunden.

Das Album ist von der Geschichte des Astronauten Michael Collins inspiriert, der während der Mondlandung 1969 alleine an Bord des Raumschiffs geblieben ist und den Mond umkreist hat. Wie bist du auf die Geschichte aufmerksam geworden?

Wollny: Die Geschichte war mir schon bekannt, aber das erste Mal darüber nachgedacht habe ich am Tag der Aufnahmen, als ich alleine ohne irgendjemand weit und breit im Hotel gewesen bin. Da kam mir die Rolle des Solisten noch mal sehr viel existenzieller vor. Was bedeutet das genau, wenn man alleine in seiner Kapsel sitzt und sendet? Ist man dann nicht plötzlich ganz bei sich?

An dem Bild finde ich spannend, dass es der vermeintlichen Enge des Alleinseins die Weite des Raums gegenüberstellt. Ist der Rückzug ins Innere auch eine Voraussetzung für dich, das Äußere neu wahrnehmen zu können?

Wollny: Im Wesentlichen ist das ja die Situation eines Solisten im Studio. Du bist die ganze Zeit im Inneren, aber trotzdem sendest du. Es ist immer auch eine surreale Situation, weil man noch nicht weiß, wo die Musik klingen und wer sie hören wird. Aber auch da ist dieser durch die Situation erzwungene Blick nach innen sehr hilfreich: Man bringt diese Sendung gut auf den Weg, indem man bei sich bleibt, die Töne fortschickt und sich nicht fragt, bei wem sie landen.

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