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Misia

Eine zierliche Schwarzhaarige betritt die Bühne. Und beginnt zu singen. So leidenschaftlich, dass manchem Zuschauer die Tränen über das Gesicht laufen. Warum ihre Fados auch auf ihrem neuen Album „Paixoes Diagonais“ so herzzerreißend sind, erklärte die Portugiesin Misia in einem city.mag-Interview.

city.mag: Wer so schwermütige Lieder singt, kann eigentlich kein fröhlicher Mensch sein.

Misia: Ich leide nicht an Depressionen. Denn ich kann meine Melancholie und meine Albträume auf der Bühne austreiben. Aber wenn ich nicht singen würden, wäre ich garantiert bei einem Psychologen in Behandlung.

city.mag: Fados sind also Balsam für Ihre Seele?

Misia: Ja. Aber sie befreien auch das Publikum von düsteren Gedanken. Wenn die Leute bei dem Stück „Lacrima“ weinen, fühlen sie sich hinterher besser. Man muss seinen Emotionen einfach ab und zu freien Lauf lassen.

city.mag: Aber warum sind die Menschen von Ihren Liedern so berührt? Die Mehrheit versteht Ihre Texte doch gar nicht.

Misia: Bei einem Konzert werden die Emotionen wie in einem Spiegel reflektiert. Die Leute spüren meine Gefühle. Das löst bei ihnen Empfindungen aus, die sich wieder auf mich übertragen. Das Ganze ist wie ein unsichtbarer Kreislauf.

city.mag: Demnach muss ein Fado-Sänger in erster Linie Feingefühl haben?

Misia: Die Technik kann man nicht in einer Schule lernen. Als ich mit 20 meine ersten Fados sang, sagte meine Mutter: „Du hast zwar eine perfekte Stimme. Aber man hört, dass es dir an Lebenserfahrung mangelt.“

city.mag: Dieses Manko dürften Sie mittlerweile wettgemacht haben. Könnten Sie daher nicht getrost zu Ihrem Alter stehen?

Misia: Meine Musik soll zeitlos sein. Darum verrate ich mein Alter nicht. Als ich verheiratet war, habe ich vor meinem Auftritt sogar meinen Ehering abgenommen. Denn auf der Bühne fühle ich mich mit den alltäglichen Dingen des Lebens nicht mehr verbunden.

city.mag: Privat fühlen Sie sich aber Ihren Freunden durchaus verbunden. Zumindest können Sie sie gut riechen.

Misia: Stimmt. Ich nehme die Lieblingsparfüms meiner besten Freunde mit auf meine Tourneen. Wenn ich den Duft eines Freundes auflege, fühle ich mich ihm nahe.

Interview: Dagmar Leischow

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