FILM

The Boss Hoss

Nina Hoss in „Schwesterlein“
Nina Hoss in „Schwesterlein“Foto: Vega Film

Nina Hoss, in deinem neuen Film „Schwesterlein“ sagt deine Figur Lisa an einer Stelle: „Ein Schauspieler, der begehrt wird, ist ein lebendiger Schauspieler“. Sie meint damit ihren todkranken Zwillingsbruder Sven, der nicht mehr auf die Bühne darf. Kann das Spielen wirklich überlebenswichtig sein?

Nina Hoss: Ich weiß es nicht ganz genau. Für mich ist es weniger das Begehren als der Austausch. Ich merke es gerade in dieser Zeit, wo man so selten dazu kommt, das zu tun, was man liebt: in einen Austausch über das Leben zu treten – mit dem Publikum, aber auch mit den Kollegen, dem Team. Man durchleuchtet verschiedene Lebenswege, findet heraus, was passiert, wenn man die und die Prägung hat. Man ist Schauspieler, um sich im Ganzen auszudrücken. Wenn das nicht stattfindet, wenn das Ausdrucksmittel gegen den eigenen Willen genommen wird, kann man schon verkümmern. Darum geht es Lisa, und ich kann das nachvollziehen. Es ist, als würde man einem Maler sämtliche Leinwände und Farben wegnehmen.

Ist dieses Bedürfnis nach Austausch universell? Zumindest haben ja nicht alle Menschen den Drang, sich auf eine Bühne zu stellen.

Nina Hoss: Nein. Viele Freunde fragen mich: Wieso findest du das gut? (lacht) Ich glaube, man bekommt das schon irgendwie mitgegeben, dass man dem etwas abgewinnt. Anstatt Angst zu haben, verwandelt man es in Freiheit; man kann gar nicht anders. Das ist, was mit Berufung gemeint ist, glaube ich.

Lars Eidinger spielt Sven. Ihr kennt euch schon seit der Schauspielschule, aber standet noch nie gemeinsam vor der Kamera, richtig?

Nina Hoss: Wir haben schon 2011 den Film „Fenster zum Sommer“ zusammen gemacht. Aber obwohl wir beide jahrelang gleichzeitig an der Berliner Schaubühne waren, haben wir nie auf einer Bühne gestanden. Die Geschichte von „Schwesterlein“ überschneidet sich auf witzige Weise mit dem realen Leben, weil Lisa und Sven auch an der Schaubühne arbeiten und deren Leiter Thomas Ostermeier im Film den Intendanten und Regisseur spielt. Das war natürlich auch eine Freude, mit diesen Ebenen zu spielen.

Hatten die Dreharbeiten etwas von einen Klassentreffen?

Nina Hoss: Von Lars kann ich eigentlich nur schwärmen. Uns hat „Schwesterlein“ sehr viel gebracht. Denn wir sind zwar befreundet, aber treffen uns eigentlich nie. Es gibt gar keinen besonderen Grund, aber irgendwie kommt es einfach nicht dazu. Aber jedes Mal, wenn wir uns dann sehen, sind wir tatsächlich wie Bruder und Schwester – vielleicht, weil wir an der Schauspielschule eine so enge und intensive Zeit gemeinsam erlebt haben: 25 Leute arbeiten vier Jahre lang zusammen, man lernt sich sehr gut kennen. Bei Lars hatte ich irgendwie immer das Gefühl, ich muss auf ihn aufpassen. (lacht)

Heute auch noch? Oder nur damals?

Nina Hoss: Jetzt auch noch. (lacht) Das ist natürlich totaler Quatsch, aber es ist einfach ein warmes, zugewandtes, vertrautes Gefühl, das wir füreinander haben. Deswegen machte es Sinn, dieses Geschwisterpaar zu spielen, da mussten wir gar nichts herstellen. Das Wichtigste ist: Wir vertrauen uns einfach sehr. Ich kann mich auf Lars verlassen. Ich bewundere ihn, seine Kunst und sein Spiel, und ich glaube, das ist anders herum genauso. Wir respektieren einander, weil wir uns nicht verstecken. Ich weiß: Wenn ich anfange, mit Lars zu spielen, schenkt er mir alles. Da kann ich in eine Szene reingehen und weiß überhaupt nicht, was passieren wird; wir reagieren einfach aufeinander. Und dann ist es echt, wir erleben in diesem Moment etwas Reales, als diese Figuren. Das hast du nicht mit jedem. Deshalb habe ich mich jeden Tag auf die Dreharbeiten gefreut.

Interview : Matthias Jordan

„Schwesterlein“ läuft jetzt im Kino. Alle Termine und Vorstellungen auf kulturmovies.de