„Nismet – Ein ungewöhnliches Mädchen“: Gegen alle Widrigkeiten

Auf Arte und in der Arte-Mediathek startet jetzt die beeindruckende französische Integrations- und Coming-of-Age-Serie „Nismet – Ein ungewöhnliches Mädchen“.
Als die 16jährige Nismet immer wieder von ihrem Stiefvater sexuell bedrängt wird, flieht die Minderjährige von zu Hause. Ob wirklich ein Missbrauch vorliegt, zeigt der französische Vierteiler nicht explizit, aber das ist auch nicht wichtig, die Versuche sind bereits brutaler Missbrauch, außerdem: Nismets depressive Mutter Najoua wird von ihrem Freund immer wieder geschlagen und zwischen ihren Schichten auf dem Straßenstrich in der eigenen Wohnung eingesperrt. Die Serie „Nismet – Ein ungewöhnliches Mädchen“, die jetzt auf Arte läuft und in der Arte-Mediathek gestreamt werden kann, zeigt eine Jugendliche, die in ihrer Not nicht zusammenbricht, sondern mit Hilfe staatlicher Einrichtungen, zu einem selbstbestimmen Leben findet.
Vor allem aber ist es Nismets eigener Wille, der die 16jährige nicht aufgeben, sondern sukzessive eigenständig werden lässt. So kann sie, nachdem die Polizei die obdachlose Nismet in einer südfranzösischen Stadt von der Straße aufgelesen und dem Jugendamt übergeben hat, schon bald das Jugendheim wieder verlassen, weil sie vom Amt vorzeitig für volljährig erklärt wird und in Abstimmung mit dem Heim eine eigene kleine Wohnung beziehen darf. „Nismet – Ein ungewöhnliches Mädchen“ ist keine Serie, die Sozialkritik übt, Fehler von Ämtern anprangert oder das System als fehlerhaft vorführt. Vielmehr richtet die Kamera den Fokus auf die Jugendliche und manchmal auch auf die Mutter, gespielt von Loubna Abidar („Much Loved“). Die Serie zeigt vielmehr, wie ihre Heldin Nismet (Emma Boulanouar, „2 oder 3 Dinge, die ich nicht über sie weiß“) fokussiert ihren Abiturabschluss meistert trotz widriger Umstände, wie sie danach den Beruf einer Pflegerin in der Geriatrie anstrebt, vorher aber – sobald sie 18 ist – als Stripteasetänzerin in einem Nachtklub Geld hinzuverdient. Auch hier steht Nismet im Mittelpunkt der Erzählung, Männer werden in diesem ausbeuterischen Kontext nicht einmal kritisch vorgeführt, sondern fast schon vorbildlich zurückhaltend gezeichnet. Dass Nismet die Tochter einer marokkanischen Migrantin und die gesamte Handlung auch eine Integrationsgeschichte ist, wird erst sehr spät ganz deutlich zum Thema der Serie und ist nicht Gegenstand einer Problematisierung, sondern Anlass innerhalb der Handlung, Nismets gewachsenes Selbstbewusstsein und ihr eigenständiges Leben in einem noch mal erweiterten Umfeld zu zeigen. Regisseur Philippe Faucon („Fatima“, „Amin“) hat das Drehbuch der Serie gemeinsam mit der Schauspielerin und Drehbuchautorin Nismet Hrehorchuk geschrieben, die hier sehr viel autobiografische Elemente hat einfließen lassen und auch in einer Nebenrolle die Heimleiterin spielt.