Nitin Sawhney

Der Mensch heißt Mensch

Seine Kindheit war traumatisch. Trotzdem ist Nitin Sawhney ein Philanthrop, und sein neues Album heißt „Human“. Großes Wort. Großes Album.

„Mensch“, diktierte unlängst Herbert Grönemeyer den Medien ins Merkheft, „ist das einfachste und doch emotionalste Wort, das ich kenne.“ Vermutlich würde sich der teutonische Barde hervorragend mit dem Londoner DJ, Produzenten und Musiker Nitin Sawhney verstehen. Dessen neues Album steht unter der gleichen Überschrift. Es entstand sogar aus einem ähnlichen Ansatz heraus. Während Grönemeyer über den schmerzlichen Verlust seiner Frau sinnierte, trauert Sawhney um seine verlorene Kindheit, zurückgelassen in einer Londoner Vorstadtsiedlung, in der ihm von anderen Jugendlichen schnell und deutlich klargemacht wurde, dass er dort nichts verloren hatte.

„Ich bin oft von anderen Kids gejagt, rassistisch beschimpft und verprügelt worden“, sagt er. „In unserem Viertel gab es keine anderen Ausländer, ich fühlte mich total isoliert. Erlebnisse, die mich bis heute verfolgen.“

Sawhney suchte nach Antworten, weltweit. Sein letztes Album „Prophesy“ war ein Reisetagebuch. Voll von Wahrheiten und Weisheiten über Gurus in Kalkutta, Taxifahrer in der Bronx und mächtigen Menschen wie Nelson Mandela. Die Idee dazu entstand aus dem Bedürfnis, der klaustrophobischen Enge der digitalen, globalisierten Scheinwelt der Medien und ihren oft eindimensionalen Meinungen und Konzepten zu entfliehen. Mit diesem Hintergrund werden Sawhneys Lebensphilosophie und der Ansatz für „Human“ erklärlich.

„Ich lebe nach einem Prinzip: Ein Menschenleben ist genau so viel wert wie jedes andere. Unabhängig von Herkunft, Rasse, Religion oder Bildung. Nur die Welt scheint leider nicht meiner Meinung zu sein. In Afrika sterben täglich 7000 Kinder, und man hört nichts darüber. Aber wenn sieben Menschen in den USA sterben, ist das eine dicke Schlagzeile. Das soll nicht als politisches Statement verstanden werden, sondern als menschliches. Denn hier werden Leben taxiert. Deshalb geht es auf meinem Album um Respekt vor der Menschlichkeit.“

Seit gut zehn Jahren ist der 39-Jährige nun im Musikbiz, als Filmkomponist, als Remixer und Produzent. Deshalb sind Sawhneys Songs grenzenlose musikalische Puzzles aus knisternden Jazz-Samples, Salsa-Rhythmen, indischem Gesang und Flamenco-Gitarren, unterlegt mit urbanen Beats. Und immer wieder tauchen historische Schnipsel – aus Martin Luther Kings Rede zur Lage der Nation, zur Watergate-Affäre oder Magaret Thatchers Pamphlet über „Reichtum als Grundlage für Sozialleistungen“.

„Auch wenn ich als Kind nicht alles verstanden habe, sind es doch Zeitdokumente, die mich aus verschiedensten Gründen emotional berührt haben. Sie passen zu meinen Erinnerungen an persönliche Enttäuschungen.“ Bewundernswert, dass der studierte Jurist, Comedystar und Schauspieler trotzdem ein Philanthrop wurde. „Ich vertraue den Menschen“, sagt er, „nur nicht ihren Institutionen.“

Seine Offenheit macht ihn beliebt, und seine Arbeit brachte ihm viel Respekt. Er hat mehr Anfragen von Kollegen, die auf seinen Alben mitmachen wollen, als er Songs schreiben kann. Auch diesmal sind viele Gäste dabei. Kevin Mark Trail von The Streets zum Beispiel, Aqualungs Matt Hayles, der Flamenco-Virtuose Paco de Lucia, der indische Flötist Ronu Majumdar – und die unglaublich erotische Sängerin Tina Grace.

„Es ist eine alte Hindu-Philosophie, dass du zu dir selbst zurückehren musst, um zu verstehen, was um dich herum passiert“, sagt Sawhney. „Du musst aber zuerst deine Probleme bewältigen. Erst dann kannst du offen sein für andere Menschen.“

Stefan Woldach

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