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Orkun Ertener: Lebt

Der waghalsige Versuch, eine mehrere Jahrhunderte umspannende Geschichte und einen Krimiplot aus der Gegenwart auf gut 600 Seiten zu komprimieren, muss scheitern. Aber Orkun Ertener, türkischstämmiger Kölner, der mit seiner Serie „Kriminaldauerdienst“ bewiesen hat, dass er etwas von Spannung versteht, scheitert mit Verve. Um uns Leser für die Geschichte einer jüdischen Sekte zu interessieren, die aus ihrer Heimat Griechenland in die Türkei vertrieben wurde und dort nach außen hin den Islam praktiziert, gibt er uns einen Ich-Erzähler an die Hand, der am Anfang genau so viel vom Schicksal dieser Menschen weiß wie wir, nämlich rein gar nichts.

Dieser Can Evinman hat als Ghostwriter ein lukratives Auskommen gefunden. Seine aktuelle Klientin ist die Schauspielerin Anna Roth, die sich zum 40. Geburtstag ihre Autobiographie schreiben lässt, mit der sie sich und ihre zahlreichen wohltätigen Aktivitäten ins beste Licht rücken will. Für Can, der sich abwechselnd lässig und selbstmitleidig gibt, ein Routinejob. Doch dann stellt sich bei den Recherchen heraus, dass ihre beiden Leben stärker miteinander verbunden sind, als er es sich hätte träumen lassen. Vor allem erschüttert ihn die Wahrheit über den Tod seiner Eltern, die nicht bei einem Unfall starben, sondern ermordet wurden. Die Spur führt Can und Anna nach Thessaloniki – und damit mitten ins Herz einer tragischen Historie, die bis heute nachwirkt…

Dem Klischee des abgefuckten Ermittlers hat Ertener nicht allzu viel hinzuzufügen, und manche Figuren aus der zweiten Reihe sind doch eher schablonenhaft gezeichnet, aber „Lebt“ trägt den Leser so rasant durch die vielen Wendungen der Geschichte, dass kaum auffällt, dass die Story öfter mal auf Lücke gearbeitet ist.
(rr)

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