„Palästina 36“: Klischees und Heldenmut
Eine Beschäftigung mit den arabischen Aufständen im Palästina der 30er war überfällig – leider verliert sich „Palästina 36“ zum Ende in Klischees.
Es wurde durchaus Zeit: Der Film „Palästina 36“ der palästinensisch-amerikanischen Filmemacherin Annemarie Jacir ist die erste fiktionale Beschäftigung des Genres mit den Kämpfen auf palästinensischem Gebiet in den 1930ern. 1936: Seit drei Jahren fliehen Juden aus Nazi-Deutschland, das zudem das Rheinland besetzt; der Spanische Bürgerkrieg beginnt, und in Palästina startet die arabische Bevölkerung einen Aufstand gegen die britische Kolonialmacht und gegen die Gründung weiterer Siedlungen geflüchteter Juden.
Regisseurin Jacir zeigt in ihrem Film am Beispiel des Dorfes Al-Basam, wie palästinensische Landwirte um ihre Anbauflächen betrogen und von der britischen Kolonialmacht systematisch drangsaliert werden. Als sich die Lage Anfang 1936 zuspitzt, kommt es immer häufiger zu dezentral aufflackernden Guerilla-Attacken und Sprengstoffanschlägen in den größeren Städten. Mit brutalen Aktionen schlägt das britische Militär zurück …
So feinfühlig Annemarie Jacirs Film die verzweifelte Lage der palästinensischen Bevölkerung zeigt, so klischeehaft oberflächlich werden die Briten ins Bild gesetzt, allen voran Robert Aramayo in der Rolle des Captain Wingate, der seinem Sadismus gegenüber der palästinensischen Bevölkerung freien Lauf lässt. Während neben Wingate auf britischer Seite etliche weitere reale historische Figur agieren – Jeremy Irons spielt Hochkommissar Wauchope – kommen jüdische Siedler als Individuen überhaupt nicht vor. Mal bauen sie im Hintergrund einen Wachturm, mal umzäunen sie ihr Gelände, einmal schießen sie auf Palästinenser, die – mitten in der Nacht und unangekündigt! – verhandeln wollen.
Mit der sich anbahnenden Niederlage des arabischen Aufstands kippt die Dramaturgie des Films ins kitschig-märtyrermäßig Heldenhafte: Yusuf Al Bassawi (Karim Daoud Anaya) ist der ehrliche junge Mann, der in Jerusalem als Chauffeur die korrupte Welt der palästinensischen Elite kennenlernt, sich später dem Widerstand anschließt und schließlich – mit Absicht, es ginge auch anders – in einen Kugelhagel stellt, nachdem er eine Handgranate geworfen hat. Bezeichnend: Im Presseheft zum Film wird der Überfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 – mehr als 1100 Israelis wurden ermordet, 250 Menschen entführt – als einfaches „Attentat“ bezeichnet.