FILM

Raum

2008 erregte der Fall des Österreichers Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einer Kellerwohnung gefangen hielt und dort mehrere Kinder mit ihr zeugte, weltweites Aufsehen. Regisseur Lenny Abrahamson widersteht in seinem lose darauf basierendem Drama der Versuchung, die Geschichte als Thriller zu erzählen. „Raum“ interessiert sich vor allem für das Danach – die Flucht fungiert hier nicht als dramaturgischer Höhepunkt, auf den der Film zuarbeitet, sondern ist in der Lebenswelt des fünfjährigen Jack, der sein gesamtes Leben mit seiner Mutter Ma (Brie Larson) in einem winzigen Raum verbracht hat, der Beginn größerer Schwierigkeiten. Abrahamson zieht aus der durchgehenden kindlichen Perspektive einige existenzielle Fragestellungen: Wie werden wir auf unsere Umwelt geprägt – und wie groß ist ihr Anteil daran, wer wir sind? Nachdem Jack sein Gefängnis verlassen hat, sehnt er sich zunächst nach den beengten und jeder Lebensqualität entbehrenden neun Quadratmetern zurück. Ein Paradox, aber letztlich natürlich. Der Mensch kann seine Situation schließlich nur vollständig werten, wenn er sie in einen Kontext setzen kann und sich der Alternativen bewusst ist. Wir alle kennen nur einen Ausschnitt der Welt – Jack weiß nicht einmal um ihre Existenz.

Raum, wie er sein Verlies nennt, liegt für ihn mitten im Weltall – und was er im Fernsehen sieht, ist für ihn die „Fernsehwelt“, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Erst ein Blatt, das sich auf das Oberlicht verirrt, gibt ihm eine erste flüchtige Ahnung davon, dass es doch noch mehr geben könnte als die vier Wände, in denen er lebt. Auch wenn Abrahamson als Zugeständnis an die Gefälligkeit einen Abschluss suggeriert: Bis Jack sich vollständig an die neue Umgebung assimilieren wird, sich nicht mehr als Fremder fühlt, herausfinden kann, wer er unter für uns normalen Lebensbedingungen eigentlich ist – bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Dazu muss man nur in sein verängstigtes Gesicht sehen, als er zum ersten Mal einen anderen Menschen sieht. (sb)

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