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Roberto Bolano: Mörderische Huren

Deutsche Leser – und darunter vor allem diejenigen, die den Mut und die Ausdauer hatten, sich ihren Weg über die weiten, flirrenden Flächen von Roberto Bolaños Werk zu bahnen (und die Labyrinthe, die sich darunter befinden) – können sich glücklich schätzen: Seit seinem frühen Tod im Jahr 2003 sind nun nahezu alle Romane und Erzählbände des chilenischen Schriftstellers ins Deutsche übertragen worden.

er neueste davon, „Mörderische Huren“, eine Sammlung von 13 Erzählungen, wurde in Spanien noch zu Bolaños Lebzeiten veröffentlicht. Lässt sich „Telefongespräche“, der andere Erzählband des Autors, als erzählerische Verästelung von „Die wilden Detektive“ lesen, handelt es sich bei diesem Band eher um eine nachtschwarze Wucherung auf dem gekrümmten Rücken des Monumentalwerks „2666“. Das poetische (und stets unnachgiebige) Zerren an der Wirklichkeit, das seinen Protagonisten (die sich auch hier klassisch bolañoesk aus einem Fundus an vagabundierenden Dichtern, halbseidenen Nachtgestalten und exilierten Intellektuellen rekrutieren) meist zu eigen ist, gleicht in „Mörderische Huren“ einem verirrten Herumstolpern vor einem Horizont, aus dem das Licht sich langsam zurückzieht und die Schatten lang und unheimlich werden lässt.

Es sind durchweg Geistergeschichten, die uns der Autor hier hinterlässt: Der Gemütszustand seiner Figuren ist desolat, ihre Verlorenheit total. Und das Schweigen der Welt ruft bei ihnen längst nicht mehr nur tiefe Traurigkeit, sondern schieres Grauen hervor. Sollte es sich bei „Mörderische Huren“ um die letzte Veröffentlichung von Roberto Bolaño handeln, hat der Hanser Verlag seinen Lesern ein schwer verdauliches Abschiedsgeschenk gemacht. (mwe)

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