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Kultur

50 Jahre Punk: „Totgesagte leben lauter!“

In Düsseldorf startete die Ausstellung „50 Jahre Punk“ im neuen Punkmuseum. kulturnews sprach mit den beiden Machern Rudi und Jäki.

In Düsseldorf läuft die Ausstellung „50 Jahre Punk“. kulturnews sprach mit den beiden Machern Rudi und Jäki.
In Düsseldorf läuft die Ausstellung „50 Jahre Punk“. kulturnews sprach mit den beiden Machern Rudi und Jäki. (Foto: Björn Sondermann)

Rudi, Jäki, ihr macht in Düsseldorf im neuen Punkmuseum eine Ausstellung über Punk. Was verbindet diese doch für andere Dinge bekannte Stadt mit dem Genre sowie der Lebenseinstellung der Punks?
Jäki: Mit der Lebenseinstellung der Punks verbindet die Stadt genauso viel wie alle anderen Städte. Nix besonderes da. Fuer das Genre Punk allerdings nimmt Duesseldorf als Bindeglied von Gitarren/Rock Punk zur Elektronik einen wichtigen Platz ein. Bands wie Der Plan, D.A.F., oder Liaisons Dangerous haben die Möglichkeiten elektronischer Musik Erstellung in die verschiedensten Richtungen ausgelotet. Von Experimental bis zu schlauer, kommerziell erfolgreicher Popmusik. Diese Bands haben international Erfolg gehabt und wie zB D.A.F. die Tuer zu neuen Genres wie EBM oder Techno aufgemacht. Geholfen hatte bestimmt das Duesseldorf bereits auf eine Geschichte elektronischer Musik zurueck schauen konnte, Kraftwerk, La Duesseldorf oder am meisten noch NEU! die man eh als Proto Punk hoeren kann. Den Orden haben sie eher ueber das Ausland bekommen, Musiker wie John Lydon und viele andere haben das schon früh erkannt. Bei uns in Deutschland ist diese Anerkennung leider eher ausgeblieben. Man kann Punk in der BRD als die erste Nachkriegsjugendkultur die sich selbstbewusst und laut aus dem ideologischen und musikalischen Korsett Anglo Amerikanischen Einflusses befreit hat verstehen. Das waere mit dem Erfolg dieser Bands noch eine weitere Qualität – neben kommerziellem Erfolg.
Rudi Esch: Düsseldorf hat diese wunderbare, fast schizophrene Identität: Nach außen hin Pelzmäntel auf der Kö, Banken und Schicki-Micki – aber direkt darunter fand sich einer der Knotenpunkte des deutschen Punk. Es ist genau diese bürgerliche Enge der späten 70er, die als perfekter Katalysator wirkte. Punk braucht Reibung und der absolute Nukleus war natürlich der Ratinger Hof in der Altstadt. Während man in London bei Malcolm McLaren modisch durchgestylt wurde, trafen sich im Hof Künstler der Kunstakademie wie Immendorff, Blinky Palermo und Beuys. Da entstand eine völlig einzigartige, interdisziplinäre Ursuppe. Ohne den Hof gäbe es keine Toten Hosen, kein Fehlfarben-Meisterwerk „Monarchie und Alltag“, und auch nicht die Kommandozentrale DAF. Düsseldorf hat dem Punk seine intellektuelle, kunstsinnige Schärfe verliehen und gleichzeitig bewiesen, dass Provokation am besten dort funktioniert, wo das Geld sitzt.

„Punk is dead“ sang bereits 1978 die Band Crass. Da widersprecht ihr doch sicher?
Jäki: Ich widerspreche garnicht, im Gegenteil .. so wie Crass das besungen hat stimmt es ja wenn man Punk als romantisches von gesellschaftlichen Abläufen unabhängiges Phänomen sieht. Was es aber vielleicht nie wirklich war. Bands wie die Sex Pistols und die Clash sind ganz traditionell vermarktete Produkte gewesen, aber sie haben auch die Idee in die Welt gesetzt das man die Dinge durchaus auch anders machen. Bei Crass also eher Kritik an der Vermarktung / Kommerzialisierung der Punk Idee.

Rudi Esch: Na ja, Crass hatten schon insofern recht, als dass sie den Abgesang auf ein kommerzialisiertes Londoner Mode-Phänomen frühzeitig angestimmt haben — spätestens als die Major-Labels anfingen, Sicherheitsnadeln im Supermarkt zu verkaufen. In London ging man immer davon aus, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen – einen Trend, der schon bald vom nächsten abgelöst werden würde. In Deutschland war der Funke aber gerade erst übergesprungen und man wollte die neue rotzfrech erkämpfte Freiheit nicht sofort wieder aufgeben. Hier hat sich dieser vermeintlich temporäre Style, als permanente, globale Haltung entwickelt. Punk war ja nie nur ein Sound oder eine bestimmte Uniform — sondern Punk war eine Haltung. Es war dieser absolute Wille zur Unabhängigkeit — das kritische Hinterfragen von Autoritäten und die Weigerung, sich Systemen anzupassen. Solange es den Drang gibt, etwas Eigenes zu erschaffen, bleibt Punk lebendig und als in England die Gitarren kurz davor waren, langweilig zu werden, haben Bands hier in Düsseldorf den Punk-Spirit einfach auf die Synthesizer übertragen – das war die Geburtsstunde von Post-Punk und Industrial. Die Wut blieb dieselbe, nur die Werkzeuge änderten sich. Punk stirbt also nicht, er wechselt nur den Aggregatzustand — oder um es mit den Worten der Subkultur zu sagen: Totgesagte leben lauter.

Was macht das Neue an Punk aus, zumal in einer Ausstellung?
Jäki: Etwas Neues bringt Punk, ob im Museum oder auf der Strasse , nicht mehr mit. Die Themen, der Frust und die Wut ueber gesellschaftliche Misstaende sind die gleichen geblieben seit den späten 1970ern gern. Gleichzeitig ist der Blickwinkel Punk aber aktueller den je. Themen wie Politik als Kasperle Theater, Gender und Identitaetsfragen, KI, die immer grösser werdende Kluft zwischen Arm und Reich laden heute genau wie damals zu einer alternativen Betrachtung ein. Punk liefert dafuer ein mögliches Rüstzeug.
Der Ort Museum soll nicht konservierend sein sondern einen Ort parat stellen indem die Geschichte und die Ideen von Punk in einer entschleunigten Atmosphäre praesentiert werden.
Rudi Esch: Das „Neue“ an Punk im Kontext unserer Ausstellung ist, dass wir ihn nicht wie ein totes Fossil im Naturkundemuseum präsentieren. Wir zeigen Punk nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als Katalysator für das Hier und Jetzt. Wir beleuchten die Verbindungslinien: Wie aus dem rohen Punk-Spirit der frühen Tage die elektronische Musik, Post-Punk, Industrial und moderne digitale Subkulturen entstanden sind. Das Neue ist der Blickwinkel. Wir stellen die Kreativität und den Innovationsgeist in den Vordergrund, nicht das Zerstörerische. Es geht um die Kunst, die Plakate, die Fanzines – um die Explosion an Ideen, die bis heute nachwirkt und junge Künstler inspiriert, selbst aktiv zu werden. Das Neue ist, dass wir eine solche Geschichte nicht linear-chronologisch als reine Musik-Nostalgie erzählen, sondern als ästhetische und gesellschaftliche Kettenreaktion, die Kontinente vereint. Wir betrachten Punk als ein radikales Kunst-, Design- und Musikphänomen, dessen Strahlkraft auch international bis heute nachwirkt. Die handkopierten Fanzines von damals haben im Grunde die demokratische Do-It-Yourself-Ästhetik des Internets und der heutigen Blog-Kultur vorweggenommen. Aus dem vermeintlichen Dilettantismus der ersten Stunde wurde eine weltweit hochkomplexe Kulturtechnik. Hier handelt es sich nicht um eine Rückschau, sondern um den Beweis, dass diese alte Energie immer wieder der Treibstoff für moderne Popkultur sein kann.

Wird Punk damit nicht zum Klassiker, zumal anlässlich des 50. Geburtstags?
Jäki: Wenn Klassiker bedeutet das es unhinterfragt Teil des Bürgerlichen Kultur Kanons geworden ist dann nein. Punk ist heute genauso lebendig und notwendig wie damals als es erfunden wurde.
Rudi Esch: Die Gefahr besteht natürlich immer, wenn man ein rundes Jubiläum zumAnlass nimmt und Exponate hinter Glas hängt. Ja — Punk wird 50 — und er hat Musikgeschichte geschrieben: Aber ein „Klassiker“ im Sinne von Hochkultur zum Einschlafen wird Punk dadurch nicht. Wenn man „Klassiker“ so versteht, dass etwas zeitlos, stilprägend und von historischer Relevanz ist – können wir uns darauf einigen. Aber wir errichten bestimmt kein Mausoleum für die Generation 50+.  Der Ratinger Hof war damals von Carmen und Imi Knoebel als weißer, cleaner Raum mit Neonröhren gestaltet worden – und genau dieses Gefühl holen wir zurück. Die Exponate sind keine Reliquien zum Anbeten. Wir feiern diese 50 Jahre nicht mit einem verstaubten Festakt — sondern wir zeigen das Fundament einer Bewegung, die sich bis heute weigert, erwachsen, leise oder systemkonform zu werden.

Was kann mir die Ausstellung heute noch mitgeben? Was der Punk als Bewegung?
Rudi Esch: Die wichtigste Botschaft, die man aus der Ausstellung und der gesamten Bewegung mitnehmen kann, lautet: Warte nicht darauf, dass dir jemand die Erlaubnis gibt. Mach es selbst und sofort !! Jäki und ich haben Punk immer als die ultimative Erlaubnis zum radikalen Dilettantismus verstanden. Du musst dein Instrument nicht perfekt beherrschen, du brauchst kein Major-Budget und du musst nicht auf irgendeine Erlaubnis warten. Wenn du eine Idee hast, nimm dir ein Mikrofon, einen Synthesizer oder eine Sprühdose und verändere die Welt. Der Geist des Ratinger Hofs war: Verschwende deine Jugend. Und genau dieses infektiöse Motto soll jeder Besucher mit nach Hause nehmen, auch wenn es für einige jetzt schon zu spät sein kann. Aber wenn junge Leute das Museum verlassen und Bock haben, selbst eine Band zu gründen, einen Internet-Blog zu schreiben, oder ein Start-Up Unternehmen zu gründen, dann haben wir alles richtig gemacht.
Jäki: Die Ausstellung bietet Interessierten die Möglichkeit, in einem aus der Alltags Ablenkung enthobenen Ort zu schauen, ob Punk als Betrachtungmodel taugt.

 

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