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Saskia Goldschmidt: Die Glücksfabrik

Die Schmerzen unerträglich, eine Kommunikation nicht mehr möglich: Der 97-jährige Mordechai de Paauw liegt leidend, aber bei klarem Verstand in seinem Bett und weiß, dass er bald sterben wird. Ausgerechnet der Mann, der eine niederländische Provinzschlachterei zu einem der weltweit wichtigsten pharmazeutischen Unternehmen ausgebaut und nebenbei jede Angestellte, die ihm gefiel, durchgevögelt hat, ist jetzt Spielball der Medizin und wäre doch so gerne längst tot.

Weit gehen seine Gedanken zurück, in die Zeit, als der kleine Mordechai gemeinsam mit dem Zwillingsbruder Aron vor den antisemitischen Aktionen der katholischen Kinder floh; in die Zeit, als er die Schlachterei des Vaters übernehmen musste, obwohl er doch viel lieber studiert hätte. Und schließlich in die Zeit, da Mordechai mit den Gewinnen der Schlachterei eine Forschungsabteilung unter der Leitung des Wissenschaftlers Rafael Levine querfinanzierte und so als erster Unternehmer überhaupt Insulin, Vitamine sowie weibliche und männliche Hormone serienreif produzieren konnte. Saskia Goldtschmidt hat einen Roman auf Basis wahrer Begebenheiten geschrieben, die internationale Pharmakologie-Koryphäe Ernst Laqueur – Vorbild für Levine – war ihr Großvater.

Die wahre Geschichte einer der wichtigsten Drittmittelfinanzierungen von Forschung im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte des ungezügelten Kapitalismus. Sie ist so faszinierend wie abstoßend, und Saskia Goldtschmidt ist so fies, uns mit Mordechai de Paauw einen üblen Charakter vor die Nase zu setzen, den wir nicht mögen, den wir aber immer wieder auch verteidigen müssen, denn: Ohne sein Abkochen von Pferdepisse trächtiger Stuten in den 30er-Jahren hätte es in den 50er-Jahren keine Pille gegeben. Und da sind wir dann doch auf Seiten des Fortschritts, oder? (jw)

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