BÜHNE | Kabarett

Serdar Somuncu: Tournee auf Herbst verschoben

Berühmt und von den Rechten verfemt wurde er wegen seiner Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“. Inzwischen schlüpft Serdar Somuncu auf der Bühne selbstbewusst in die eigene Rolle eines Täters. Der aber ist zunehmend überfordert …

Herr Somuncu, in Talkshows argumentieren Sie sachlich, fundiert …
Serdar Somuncu: (lacht) Und auf der Bühne bin ich ein arrogantes Arschloch!

Und in den eigenen Formaten provozieren Sie bis an die Grenzen des Ertragbaren. Was ist Ihre Motivation?
Somuncu: Zunächst einmal: Ich spiele ja eine Rolle. Die Rolle ist vorgegeben, sie hat Umrisse, sie hat Eigenheiten, aber sie ist nicht ich. Es ist aber auch nicht so, wie Sie sagen. Die Provokation ist ein Teil meiner Arbeit, ich spiele aber auch andere Rollen, die nur nicht so wahrgenommen werden. Wenn ich Shakespeare inszeniere oder einen Liebhaber spiele bei Schiller, dann interessiert es kulturnews nicht.

Ich spreche jetzt aber mit dem Kabarettisten Somuncu, der wieder auf Tour geht.
Somuncu: Beim Kabarett ist es so, dass ich irgendwann eine Entscheidung getroffen habe aufgrund meiner Programme bis dahin. So entwickelt sich diese eine Figur, die aus der Lesung von Hitlers „Mein Kampf“ entstanden ist. Das ist der kommentierende, vortragende Mensch, der nicht nur Kabarettist ist. Ein Programm baut dabei immer auf das vorherige auf.

Dann haben wir längst ein Hitler-Spin-off.
Somuncu: In gewisser Weise ist das die ganze Zeit ein Hitler-Spin-off. Aus „Mein Kampf“ ist der Gedanke entstanden: Wie funktionieren Ideologien? Warum funktioniert Faschismus und wo ist er? Heute. In mir, in Ihnen, in irgendwem, mit dem ich zusammenarbeite. Der Gedanke hinter dem späteren Programm über die Bild-Zeitung war: Was für Ideologien haben wir heute, die anders sind als Faschismus oder nur latent faschistisch? Daraus entstand meine Auseinandersetzung mit Propaganda. Wer macht Propaganda? Zum Beispiel Zeitungen. Schließlich kam die Figur des Hassias, der eine Religionsgemeinschaft gründet und selbst intolerant ist, um Toleranz zu lehren. Der hat Teile von Hitler, aber auch von anderen Diktatoren. Ich habe am Anfang sogar noch Teile von Originalreden von Obama oder von Erdogan verhackstückt bis hin zu dem Moment, wo ich mir sagte: Ich kann das selbst.

Was können Sie selbst?
Somuncu: Ich kann das selbst und aus dem Kopf. Diese antagonistische Position, die ich dann einnahm, um nicht mehr das Opfer zu sein, der kleine Türke, der auf die Bühne geht und den Deutschen Hitler vorträgt und ihnen sagt: Ihr seid alle Nazis! Sondern selbst Nazi zu sein. Selbstbewusst Täter zu sein. Das war die Grundlage für diese Figur. Manche sagen, das ist Alfred Tetzlaff 2.0., andere sagen, es hat was von Sasha Baron Cohen. Ich finde, es ist eine ganz eigene Mischung.

Ich habe ein Problem mit dem Begriff des Hasses, den Sie verwenden. Hass ist ein unpolitischer Begriff. Er wird von vielen gezielt verwendet, damit die Unterschiede zwischen Rechts und Links verschwinden.
Somuncu: Er spielt in meinem Programm auch eher eine untergeordnete Rolle.

Er steht im Titel!
Somuncu: Aber wenn Sie sehen, welche anderen Begriffe im Programm noch eine wichtige Rolle spielen, unter anderem Liebe. Außerdem steht eher der Affekt im Mittelpunkt. Wir reagieren in sozialen Medien sehr schnell auf Dinge, die uns überfordern. Im neuen Programm will ich das, was uns passiert, erst mal in eine Fassung bringen. Die werde ich vorher gar nicht kennen, sie wird aber zum Großteil aus dem Eindruck entstehen, dass ich jemanden spiele, der überfordert ist. Der sagt: Ich weiß nicht, was mit mir passiert, aber irgendwas passiert, und ich muss damit umgehen. Es ist exakt das, was wir gerade in der Gesellschaft erleben.

Der Hassias ist überfordert?
Somuncu: Ich würde sagen, er ist auf der Abkehr. Es geht gerade in eine andere Richtung. Ich merke auch, wenn ich spreche, dass dieses Element der Beleidigung gar nicht mehr so wichtig ist. Es geht um die Intensität und um das, was innen stattfindet. Weniger um das, was außen wahrgenommen wird. Sie kennen sicher mein Musikalbum. Es war eine der mutigsten Entscheidungen, die ich je in meinem Leben getroffen habe, plötzlich ein Liebesalbum zu machen, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Leute so wütend sind und mich beschimpfen. Das waren wirkliche Liebeslieder und keine Rolle, die ich gespielt habe.

Wie wurden Sie beschimpft?
Somuncu: In allen Varianten. Von „Spinnst du?“ über „Mach wieder, was du kannst“ und „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ bis „Bist du schwul?“ …

Das sind nach heutigen Kategorien doch keine Beschimpfungen, das ist ein leichtes Anschubsen!
Somuncu: (lacht) Ich bin ja auch ein empfindsamer Mensch!

Wann wird „Liebe“ in Ihrem Bühnentitel stehen?
Somuncu: (lacht immer noch) Das wäre geklaut. Hagen Rether hat den Begriff doch schon misshandelt, und zwar in allen Varianten!

Interview: Jürgen Wittner

Die neuen Termine der Tour
Tickets können hier und hier gekauft werden

8. + 9. 8. Frankfurt
22. + 23. 8. Berlin
12. 9. Nürnberg
13. 9. Wien
19. 9. Halle
20. 9. München
28. + 29. 9. Stuttgart
30. 9. Eupen
1. 10. Hamburg
5. 10. Zürich