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Simon Schwartz: Vita Obscura

Die Weltgeschichte, so glauben wir nur allzu häufig, wird von Helden und Schurken gemacht. Das mag nun stimmen oder auch nicht, unserer Aufmerksamkeit können sich besagte Herren und Damen jedenfalls sicher sein. Für Comiczeichner Simon Schwartz gilt das weniger: Ihn interessiert nicht etwa George Washington, sondern Joshua Norton – ein abgerissener Landstreicher, der sich selbst zum ersten Kaiser Amerikas krönte und für seinen Hund Mark Twain eine bewegende Grabrede hielt. Sein Augenmerk gilt nicht Albert Einstein, dagegen aber sehr wohl dem Pathologen Thomas Harvey, der Einsteins Gehirn stahl, es in Würfel schnitt, in Marmeladengläser einlegte und gemeinsam mit Beat-Ikone William S. Burroughs über einer Tankstelle hauste.

Je eine Seite von „Viva Obscura“, das zuvor als Serie in der Wochenzeitung „Der Freitag“ erschien, widmet sich den Biographien solcher dubiosen – mal verrückten, mal genialen, mal tragischen – Gestalten, die zumeist längst aus unserer Wahrnehmung verschwunden sind: Robert Johnson oder Ken Kesey mögen da dem ein oder anderen noch ein Begriff sein, aber haben Sie schon einmal vom Hochstapler Victor Lustig gehört, der den Eiffelturm an einen Pariser Schrotthändler verkaufte? Oder Joseph Pujol, der mit seinem Hintern Luft ansaugte und wieder entließ, und auf diese Weise erfolgreich Orchesterpartituren nachahmte?

Mit Empathie und Witz setzt Schwartz dieses Kuriositätenkabinett, in dem noch jeder Wirrkopf seinen historischen Ehrenplatz zugewiesen bekommt, farbenfroh, abwechslungsreich und originell in Szene – und schafft es nebenbei, dem Leser immer mal wieder eine Ahnung zu vermitteln, wie durch und durch sonderbar die menschliche Spezies doch eigentlich ist.

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