Mutierte Wesen und ausgebeutete Teenager: Wie ein Film Snail Mail zu „Ricochet“ inspirierte
Ein Film bringt Lindsay Jordan ins Grübeln, ein Gedicht formt ein zweiköpfiges Kalb – und plötzlich ist da ein neues Album von Snail Mail.
Der Anfang von „Ricochet“ liegt nicht im Studio, sondern in einer existenziellen Obsession. Als Lindsey Jordan, alias Snail Mail, Jahre zuvor den Film „Synecdoche, New York“ sieht, verändert sich ihr Blick auf alles. „Ich wurde regelrecht vom Gedanken an den Tod besessen. Mein Leben wurde dunkler, und ich konnte weder im Moment sein noch wirklich Spaß haben“, sagt sie. Auf dem Cover des Albums ist eine Spiralmuschel abgebildet. Für die amerikanische Sängerin ist sie ein Symbol der mortal coil, des Kreislaufs von Leben und Tod. Obsessive Gedanken rund um Verlust beginnen sich im Kreis zu drehen und werden zum Motor der Platte.
„Ricochet“ von Snail Mail: Wenn aus Verlust Wachstum wird
Formal spiegelt sich das im Arbeitsprozess. Statt linear einen Song nach dem anderen zu schreiben, komponiert die Künstlerin zunächst zahlreiche Instrumentals gleichzeitig. Texte wandern von Stück zu Stück, Ideen tauchen später in neuer Form wieder auf und finden in den Sounds ein Zuhause. Besonders präsent sind Bilder verletzlicher, mutierter Wesen, inspiriert von einem Gedicht über ein zweiköpfiges Kalb. „Erst ziemlich spät beim Schreiben wurde mir klar, dass dieses ausgebeutete unschuldige Geschöpf eigentlich ich selbst als Teenager war.“ Während Therapie für Lindsay nicht funktioniert hat, findet sie in ihren Texten einen Weg, Trauer zu verarbeiten und dem Gedanken an den Tod ins Auge zu blicken.
Auf ihrem dritten Album lernt Lindsay Jordan, mit der eigenen Ohnmacht zu leben. Sie will nicht belehren oder Antworten liefern, sondern singt aus radikaler Unsicherheit. „Vielleicht liegt nichts in unserer Hand“, sagt sie. Und vielleicht, so deutet das Album an, steckt genau darin eine Form von Freiheit. Am Ende schließt sich der Kreis: Kunst inspiriert Kunst. Ein Film und ein Gedicht wurden zu obsessiven Gedanken, diese zu einem Album. „Ricochet“ zeigt auf allen Ebenen: Alles prallt ab, kehrt zurück und verändert sich. Die Spirale muss aber kein Teufelskreis sein, sondern kann eine Bewegung werden, in der sich Verlust und Wachstum begegnen.