Stephen Duffy = Lilac Time: Stephen Duffy

Stephen Duffy

Fest steht: Wer ihn nicht kennt, hat was verpaßt. Aber wer kennt ihn schon? Stephen Duffy ist so etwas wie der stille Klassiker des Pop. Daß sein Soloalbum „I love my friends“ kapital floppte (die BMG setzte ihn darauf vor die Tür) und die Single „17“ nicht zum absoluten Radio-Hit avancierte, ist ein Treppenwitz der Pop-Geschichte. Duffy klopfte sich den Staub aus den Klamotten, wechselte zu Cooking Vinyl – und produzierte mal wieder ein kleines Meisterwerk. Luftige Melodien, geprägt von lässiger Steel-Gitarre umrahmen seinen nonchalanten Gesang. Poetisch und formvollendet ist „Looking for a day in the Light“, das erste Lilac Time Album seit 1991, ein Werk von zeitloser Schönheit. Irgendwie klassisch.

K!N: Stephen, warum gibt es nach fast acht Jahren wieder ein Lilac-Time-Album?

Stephen Duffy: Schwer zu sagen. Sehnsucht nach dem speziellen Lilac-Sound, der ganz anders ist als der auf meinen Solo-Alben. Und natürlich auch nach der Band.

K!N: Pedal-Steel statt E-Gitarre …

Duffy: Ich habe die Platte selbst produziert. Da ich das nicht besonders gut kann, mußte ich den Sound möglichst schlicht halten. Andy Strange hat anschließend alles noch etwas geglättet.

K!N: Neben Ihrem Bruder Nick ist ein dritter Duffy in die Band eingerückt.

Duffy: Reiner Zufall. Als ich Nick erzählte, daß ich einen Steel-Gitarristen brauche, schlug er Melvin vor. Als ich erfuhr welchen Nachnamen er trägt, hatte er den Job. Erst danach merkte ich, daß er ein Genie an der Pedal- Gitarre ist. Das Album hat ihm viel zu verdanken.

K!N: Den kommerziellen Erfolg von „Kiss Me“ Ende der 80er konntest Du nicht wiederholen. Was bedeutet es Dir erfolgreich zu sein?

Duffy: „Kiss Me“ war insofern ein Glücksfall, als daß ich dadurch mein erstes Lilac Time-Album produzieren konnte. Mit der Musik war ich überhaupt nicht glücklich.

Aber: Erfolg ist natürlich eine tolle Sache. Es ist aufregend erfolgreich zu sein. Zu hören, daß das was Du machst respektiert wird, Deine Songs zu Hits werden – wie es mit den Sachen geschieht, die ich für „Naked Ladies“ geschrieben habe – ist ein besonderes Erlebnis. Das heißt nicht, daß ich darauf brenne ein Pop-Star zu sein. Wenn ich mit Nigel Kenndy, mit dem ich eine Platte gemacht habe und lange auf Tour war, unterwegs bin, ist ständig was los. Aber das liegt wohl kaum daran, daß er ein phantastischer Geiger ist.

K!N: Angenommen Du hättest das ulimative Rezept für Nummer-Eins-Hits.

Duffy: Ich würde es benutzen – aber nur zu meinen Bedingungen. Seit ich Musik mache habe ich Krach mit meiner jeweiligen Plattenfirma. Auf einen Nennergebracht: Die wissen, daß ich Hits schreiben kann und ich weiß, daß ich das so nicht tun will.

K!N: Live-Auftritten scheinst Du aus dem Weg zu gehen. Man hat Dich Squirl of Pop genannt.

Duffy: Mit Lampenfieber hat das weniger zu tun. Ich habe nur das Gefühl, mich live nicht weiterzuentwickeln. Ich mach lieber etwas neues, als die gleichen Songs dutzende Mal zu spielen.

K!N: Deine Songs sind alle sehr persönlich. Statements zur allgemeinen Lage sind von Dir nicht zu hören.

Duffy: Nun, daß in meinen Songs z.B. der Name „Thatcher“ nie fiel, stimmt. Aber was ist das schon: Politik? Viele haben das Gefühl. Die Nachrichtenindustrie ist ein gigantisches Transportmittel das einzig dem Zweck dient , Menschen zu manipulieren. Ich spreche lieber von Dingen, über die ich Bescheid weiß. Und daß bin an guten Tagen ich selbst. Sich selbst auszudrücken, ehrlich und von Herzen, ist für mich das größte politische Statement überhaupt.

K!N: Du zählst zu den Gründungsmitgliedern von Duran Duran. Hast Du je bereut, die Band so früh verlassen zu haben?

Duffy: Eigentlich nicht. Der Unterschied zwischen Duran Duran und mir ist – abgesehen von kommerziellen Dingen – der, daß ich nicht für die 80er bezahlen muß. Aber, daß wir die Sachen, die wir damals gemacht haben nie aufgenommen haben, ist wirklich schade. Im Pop-Geschäft ist es selten der Fall, daß man dem Spiel um einen Zug voraus. Ich denke, wir waren das.

Interview: Jonas Demel


Stephen Duffy

Gäbe es eine Hall of Fame der verhinderten Popstars, Stephen Duffy hätte seinen Platz sicher. Das wird auch mit „Lilac6“ so bleiben. „Nun, wenn mir Geld etwas bedeuten würde“, sagt der Chef von Lilac Time, „wäre ich Börsenmakler geworden“.

kulturnews: Stephen, parallel zum neuen Album hast du an deiner Autobiografie geschrieben. Was hat dich denn dazu gebracht?

Duffy: Vor etwa einem Jahr las ich im Guardian ein Porträt über mich, in dem ich als eine Art klassischer Verlierer dargestellt wurde. Dabei habe ich 18 Alben produziert, zu denen ich heute noch stehen kann. Ich habe mein ganzes Leben gemacht, was ich wollte: Musik. Wieso bin ich also ein Versager? Wenn selbst ein angeblich so linksliberales Intellektuellenblatt mich derart missversteht, habe ich genau zwei Möglichkeiten: aufgeben oder die Sache klarstellen. Also setzte ich mich hin, um meine Biografie zu schreiben.

kulturnews: Was hast du eigentlich gegen London? Du lebst doch seit 20 Jahren dort.

Duffy: London ist tot. Kein Herz mehr, keine Seele. Was zählt, ist Geld, viel Geld. Mieten, Eintrittspreise, Nahrung: Die Preise sind grotesk aus den Fugen; die Lage hat sich seit Blair entscheidend verschärft. Wenn du einen normalen Beruf hast wie Busfahrer oder Kindergärtnerin, hast du keine Chance auf ein anständiges Leben. Natürlich ist London auch künstlerisch am Ende. Ich kenne keinen Ort, an dem das Kapital vulgärer regiert als London.

kulturnews Und die Konsequenz?

Duffy: Da weiter machen, wo einst Kerouac, Ginsberg und all die anderen aufgehört haben: reisen, die Seele des Beats suchen, um spirituell zu werden. Es ist Zeit für eine neue Beat-Generation.

kulturnews: Und wann geht’s los?

Duffy: Ich suche noch nach einem Sponsor. Denke, ich frag’ mal Coca Cola.

Interview: Jonas Demel

Die Kritik zum Lilac-Time-Album „Lilac6“ gibt es unter www.kulturnews.de.

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