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Szczepan Twardoch: Morphin

Bis zum Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen im Herbst 1939 kann Konstanty nicht klagen. Er lebt gemeinsam mit Frau und Kind „sein eigenes, schönes Leben, in einer Wohnung im vierten Stock des Schokoladen-Mietshauses in der Mokotów von Le Corbusier und Zórawski in einer unechten Welt, einer Welt, fingiert von Geld aus dem Nichts“. Dann aber startet Szczepan Twardochs Held durch. Zwar holt er sich noch immer regelmäßig den Scheck bei seiner Mutter ab und kauft sich seine tägliche Morphindosis.

Doch als er bei der Hure Salome seine Kräfte überschätzt und von einem Deutschen niedergeschlagen und ausgeraubt wird, dreht der untergetauchte Leutnant der Ulanen groß auf, denn seine Tasche will er unbedingt zurückhaben. Nicht nur wegen des Geldes, sondern auch wegen eines Päckchens, das eigentlich für die polnische Widerstandsbewegung bestimmt war. Konstanty, dessen Vater ein Deutscher gewesen ist und der fließend deutsch sprechen kann, schließt sich dem Widerstand gegen die Deutsche Wehrmacht an …

Szczepan Twardochs 600-Seiten-Roman kommt daher wie im Drogenrausch, und das nicht nur, wenn Konstanty sich mal wieder die Nadel setzt. Flashbacks des Helden in die eigene Kindheit, ja sogar in die seines Vaters; Erinnerungen an viele weitere Schlüsselszenen seines Lebens; all das immer sinnlich verbunden mit der Gegenwart. Dramaturgisch gut gesetzte Wechsel der Erzählerrolle; mal spricht Konstanty in der Ich-Person, mal wird über ihn erzählt, mal ist es gar ein göttliches Wesen, ein Engel vielleicht, der hinter ihm geht und ihn schützen möchte: All diese literarischen Kniffe dienen keinem Selbstzweck, sondern machen „Morphin“ zu einem Roman, nach dem man süchtig werden kann. Und: Unseren Überfall auf Polen mal aus der Sicht der Warschauer Boheme sehen zu können, ist eigentlich alleine schon ein Kaufbefehl für Twardochs „Morphin“.

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