Tagträume und Offenbarungen

Die Dichterin Emily Dickinson spielt schon seit zwanzig Jahren eine große Rolle im Leben des Pianisten Paul Hankinson. Für „Dear Emily“ hat er trotzdem etwas rausgefunden, das alles verändert hat. Interview: Christoph Deutscher

Paul, wie bist du die Recherche für „Dear Emily“ angegangen?

Paul Hankinson: Ich habe lange gezweifelt: Warum sollte man ein Pianoalbum über eine Dichterin machen? Dann bin ich eines Morgens aufgewacht und habe an das Haus gedacht, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Ich hatte so ein Gefühl: diese Holzböden … Es muss da ein Klavier gegeben haben. Ich bin aus dem Bett gesprungen und habe angefangen zu googeln. Binnen fünf Minuten hatte ich rausgefunden, dass es da nicht nur ein Klavier gegeben hat, sondern dass Emily es als Einzige gespielt hat, dass sie oft bis nach Mitternacht improvisiert hat und dass ihre Noten in der Harvard University Bibliothek in Houghton einzusehen sind. Ich konnte das gar nicht glauben! Ich war zwanzig Jahre lang von Emily fasziniert und wusste nicht, dass sie Klavier gespielt hat.

Konntest du dich ihren Werken musikalisch nähern?

Hankinson: Meine Musik setzt nach den Worten an, in ihrem Nachklang. Sie wächst aus dieser Stille. Das Gefühl der Worte interessiert mich mehr als ihre Bedeutung. Manchmal, wenn ich Emily Dickinson lese, gibt es diese kleinen Momente: Satzteile, Verbindungen von Worten und Gedanken, die mich sprachlos zurücklassen, sodass ich das Buch für einen Moment beiseite legen muss, um dieses Gefühl zu würdigen. Dann bin ich so dankbar, dass jemand das aufgeschrieben und so einen Weg gefunden hat, das auszudrücken. Ich wollte es in Musik übersetzen.

Hast du auf „Dear Emily“ ein neues Lieblingsgedicht gefunden?

Hankinson: Einige der Gedichte sind genau die, mit denen ich seit Jahren gelebt habe und zu denen ich immer wieder zurückgekehrt bin. Aber eines habe ich erst vor kurzem bei der Arbeit für „Dear Emily“ für mich entdeckt, und es hat das Stück „The Revery alone“ inspiriert. Das Gedicht funktioniert wie eine Anleitung für ein Naturidyll, mit drei Zutaten: ein Kleeblatt, eine Biene, ein Tagtraum. Es ist sehr kurz, und am Ende schreibt sie: „The revery alone will do/if bees are few.“ Ich liebe diesen Humor so sehr. Das ist das, was ich an ihr am meisten schätze: Selbst, wenn sie die großen Themen angeht, steckt sie voller Hoffnung und Empathie, voller Menschlichkeit und Humor.

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