Taub und tapfer

Huey Lewis hätte ein ungetrübteres Comeback verdient gehabt. Doch das Leben ist kein Glückskeks. Von Steffen Rüth

Morbus Ménière: Schon der Name klingt bedrohlich, und tatsächlich ist die Krankheit, an der Huey Lewis leidet, so tückisch wie scheußlich. Es handelt sich um eine Erkrankung des Innenohrs, die zu Schwindel und Übelkeit führt – und wenn es ganz schlecht läuft, verliert man sein Gehör. Bei Huey Lewis lief es schlecht. „Ich habe diese Krankheit seit 35 Jahren“, sagte er dem Magazin The Whitefish Review, deren Mitarbeiter er zum Interview auf seiner Fischfarm im US-Bundesstaat Montana empfing. Damals sei er unvermittelt zusammengeklappt, habe daraufhin jahrelang Steroide genommen und konnte das Hörvermögen so stabil halten. Schließlich jedoch versagte das rechte Ohr den Dienst. „Ich sollte mich daran gewöhnen, haben die Ärzte geraten.“ Das tat er, doch vor ziemlich genau zwei Jahren holte sich die unheilbare und nur bedingt behandelbare Krankheit auch sein linkes Ohr. „Es ist unmittelbar vor einem Konzert in Dallas passiert. Ich habe nur einen Knall im Ohr gehört, und das war es dann.“ Seitdem gebe es gute, schlechte und komplett beschissene Tage, manchmal könne er hören, was die Leute sagen, manchmal nicht, doch statt Musik nehme er nunmehr nur noch eine Art Fiepen war. „Wir können nicht mehr live spielen“, bedauert Lewis, der Anfang Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert hat. „Das ist wirklich furchtbar.“ In den Monaten nach der Diagnose sei er nach eigenen Angaben selbstmordgefährdet gewesen, inzwischen habe er sich berappelt und verbringe so viel Zeit wie möglich draußen in der Natur.

Warum Huey Lewis zehn Jahre nach einer Cover-Platte und 19 Jahre nach dem letzten Werk mit eigenen Songs trotz Krankheit mit „Weather“ wieder ein Album veröffentlicht? „Ganz einfach deshalb, weil es schon vorher fertig war. Wir sind die Arbeit sehr entspannt angegangen – auch, weil ja nun kein Mensch ernsthaft auf neue Musik von uns wartet.“ Das stimmt jetzt nur so halb. Huey hat die 80er mit lässig aus dem Ärmel geschüttelten, melodischen Rock-Hits wie „The Power of Love“ aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ oder „Hip to be square“ mächtig mitgeprägt, und das krankheitsbedingt aus sieben Liedern bestehende „Weather“ knüpft gekonnt an die alten Rock-Soul-Blues-R’n’B-Zeiten der aus Kalifornien stammenden Jungstruppe an. Besonders berührend und zum Heulen schön: „While we’re young“. In dem Text erinnert Lewis daran, das Leben agil bei den Hörnern zu packen. „Es ist so verdammt kurz.“

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