Gottes Strafe für den Sex
Auf jeden Fall ein Film, den man so noch nicht gesehen hat: Amanda Seyfried schüttelt als Oberhaupt der Glaubensgemeinschaft der Shaker alles, was sie hat.
Mona Fastvold, norwegische Regisseurin und Autorin, und ihr Ehemann Brady Corbet, US-Regisseur und Autor, sind ein Kreativduo und haben immer riesige Ambitionen. Von Corbet ist das dreieinhalbstündige, mit drei Oscars ausgezeichnete Epos „Der Brutalist“. Fastvold bringt nun mit „The Testament of Ann Lee“ ein Biopic-Musical ins Kino – über die Lichtfigur der christlichen Freikirche der Shaker im 18. Jahrhundert.
Doch der Film kann mit Fastvolds Ambitionen nicht mithalten. Sie erzählt die Geschichte der Sektenführerin Ann Lee fast ausschließlich über den Off-Kommentar der Film-Nichte. Ann Lees Wirken, die Faszination und das Charisma einer religiösen Anführerin bleiben so pure Behauptung – fast wie ein vorgelesener Wikipedia-Eintrag wirkt der kraftvoll und mit viel Hingabe produzierte und vor allem von Amanda Seyfried („The Handmaids’s Tale“) als Ann Lee gespielte Film. Motivation und Person der Hauptfigur bleiben aber komplett im Dunkeln – was fatal ist, da Ann Lee aufgrund des traumatischen Verlustes aller vier Kinder im Kleinkindalter auch genauso gut dem religiösen Wahn und Fanatismus hätte verfallen sein können, da sie den tragischen Verlust als Strafe Gottes für den Sex interpretierte, sich als Konsequenz selbst und ihren Jüngern das Zölibat vorschrieb und sich für die Reinkarnation Jesu hielt.
„The Testament of Ann Lee“: Wo bleibt die historische Relevanz?
Fastvolds hält nichts von „Show, don’t tell“, und ihre Position bleibt dadurch im besten Fall diffus. Was will sie uns eigentlich sagen? Sieht sie in Ann Lee, die schließlich mit einigen Anhängern von England nach Amerika ging, am Ende eines der frühen Beispiele für weibliche Selbstermächtigung (Ann Lee war gegen alle Widerstände weibliche Predigerin, obwohl Fastvold sie nie dabei zeigt), die derzeit im Kino so gerne gesucht, gefunden und verfilmt werden? Fastvold scheint der Faszination für Lee jedenfalls erlegen zu sein, kritische Durchleuchtung: Fehlanzeige. Und was ist die historische Relevanz der Shaker? Im Jahr 2026 gibt es noch genau zwei von ihnen auf der ganzen Welt – was den Zölibat zum Anfang und zum Ende der Bewegung macht.
Die Choreografien der Shaker bei den ekstatischen Schüttel- und Tanzgospels, mit denen sie die Verbindung zu Gott aufnahmen, sind hingegen mitreißend – wenn auch der Hintergrund für diese Gottesanbetung wie so vieles nicht erklärt wird. Ein Film, der zu viel will, und das auf dem falschen Weg. Aber auf jeden Fall auch ein Film, den man so noch nicht gesehen hat.