URBANE KULTUR

Theater trotz Corona: Yves Regenass von machina eX über „Lockdown“

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Yves Regenass ist Experte für Performance und Dramaturgie bei machina eX.Foto: Mathias Prinz

Yves, eure Theaterproduktion „Lockdown“ ist aufgrund der momentanen Lage sehr spontan konzipiert worden, dementsprechend spärlich waren die Vorab-Informationen. Ich sehe das positiv und frage ganz unbefangen: Worum geht es in „Lockdown“?

Yves Regenass: Wenn wir das wüssten. (lacht) Wir sind immer noch damit beschäftigt, die ersten Dinge inhaltlicher Natur festzulegen, über das Format wissen wir aber schon länger Bescheid. Inhaltlich werden wir uns auf der Spur einer verschwundenen Fahrradkurierfahrerin befinden, und wir sind ihre fiktiven WG-Genossinnen und -Genossen. Wir versuchen herauszufinden, was überhaupt los ist. Und über Telegram in einer Chatgruppe, wo andere fiktive Mitglieder dieser WG versammelt sind, sammeln wir Informationen und versuchen, sie zum Schluss aus einer recht brenzligen Situation wieder rauszubugsieren. Das ist ungefähr der grobe Abriss. Unterwegs werden wir sehr viele unterschiedliche Figuren kennenlernen, die Tess, so heißt diese Kurierfahrerin, im Laufe ihrer Arbeit kennengelernt hat. Es gibt voraussichtlich eine Politikerin, es gibt eine Galeristin, es sind Geschehnisse geplant, die sich in einem Altersheim abspielen, und so weiter.

Wie vorgeschrieben ist die Rolle, die das Publikum dabei einnehmen wird?

Regenass: Wir versuchen, das noch auszuloten, weil wir keine Lust darauf haben, so eine determinierte Identität über die einzelnen Spieler*innen drüberzustülpen. Ich glaube, das macht so keinen Spaß. Wir versuchen gleichzeitig aber, einen Raum zu bauen, oder eine Erzählung zu bauen, an die man andocken kann, so dass man sich schnell auf die Idee einlässt, Teil von dieser WG zu sein.

Und wie werdet ihr diese Geschehnisse und Begegnungen über ein Chatprogramm von zu Hause aus vermitteln?

Regenass: Aus Gründen, die vielleicht gar nicht auserzählt werden müssen, ist man selbst gerade nicht vor Ort, und auch die anderen WG-Mitglieder können gerade wegen des Lockdowns nicht nach Hause kommen. Aber eine Person, mit der wir relativ oft zu tun haben, hält gerade den Posten zu Hause und hat Zugriff auf Tess’ Zimmer und versorgt uns mit Informationen.

Zuschauer*in lässt sich da nur schwer sagen, aber als Partizipierende*r tritt man dann mithilfe eines Bots in Austausch mit diesen Figuren?

Regenass: Das wird unterschiedlich sein. Teilweise wird das tatsächlich programmiert sein, das heißt, wir warten auch auf bestimmte Informationen, und wenn die reinkommen, schicken wir automatisch gewisse Teile der Geschichte raus, also wird ein Teil von „Lockdown“ auf Bot-Basis funktionieren. Der andere Teil wird eine echte Kommunikation zwischen den WG-Mitgliedern sein. Das heißt, dass man mehrere Figuren, die sonst von Bots gesteuert werden mit reelen Partizipant*innen besetzt. Im Moment sind wir dabei, das als Dreiergruppe zu denken. Und da findet der Austausch über denselben Messenger statt, auf dem auch die Botfunktionen abgebildet werden. Wir haben ein großes Interesse daran, dass das Rätsel von Tess’ Verschwinden in Kooperation gelöst wird. Man kann dieses Spiel gar nicht alleine  durchspielen, sondern man ist darauf angewiesen, das mit den anderen zusammen zu machen.

Verstehe ich das richtig, dass die anderen Partizipant*innen dann auch nicht komplett darüber aufgeklärt sind, was passiert, und somit auch auf die Informationen angewiesen sind, die man sich zusammen erspielt, um den Fall zu lösen?

Regenass: Ganz genau. Alle werden in dieselbe Ausgangssituation geschmissen, mit derselben Fiktion konfrontiert. Aber was genau los ist, den Informationsstand muss man sich selber erarbeiten.

Das erinnert an Pen & Paper-Rollenspiele.

Regenass: Von der Struktur her hat es ein bisschen was davon, nur, dass es längst nicht so frei ist. Die Entscheidungen müssen natürlich viel stärker von uns vorkonzipiert werden. Das ist beim Pen & Paper anders, wo man noch einen größeren Verhandlungsspielraum hat. Und das Lösen der Rätsel ist ganz anderer Natur. Das beruht weniger auf Zufallsfaktoren oder Würfelergebnissen oder so etwas, sondern es geht darum, durch geschicktes Zusammenarbeiten Puzzleteile zu entdecken. Die Rätsel selber sind sehr unterschiedlicher Natur, vom Design her haben wir da sehr unterschiedliche Aufgaben.

Wie begegnet ihr der Herausforderung, Immersion herzustellen?

Regenass: Über das Handy. Das Medium, mit dem man auf die Geschichte zugreift, verhält sich im Spiel so, wie es das auch im Alltag tut – also das Chatprogramm und die Webseiten. Wir nutzen teilweise fingierte Webseiten, teilweise Webseiten von Koproduktionspartnern, um da Informationen zu hinterlegen, die spielrelevant werden.

Ich finde es in Anbetracht der Coronakrise interessant, dass eure Bots nicht das Live-Erlebnis ersetzen, wie es derzeit in den Theatern Archivmitschnitte tun. Gab es einen Zeitpunkt in der Konzeption, wo ihr mit dem Gedanken gespielt habt, das Publikum den Fall alleine mit Bots lösen zu lassen?

Regenass: Nein, wir haben „Lockdown“ von vorneherein kooperativ konzipiert. Die Dynamik innerhalb einer Gruppe ist das zentrale Moment unserer Stücke, wir machen sehr unterschiedliche Formate, aber was wir zur Verfügung stellen, ist letztlich diskursives Material, um Verhandlungen in einer Gruppe zu provozieren. Die Dynamik, in die wir die Menschen werfen, ist das, was uns interessiert. Und dementsprechend war von Anfang an klar, dass es ein kooperatives Spiel werden soll, in dem Kommunikation auch „echt“ stattfinden soll. Was ich dazu vielleicht auch noch erwähnen muss, ist, dass wir eine Art real time behaupten. Der Konflikt geht zeitgleich zur Spielzeit los, und ab einem bestimmten Punkt der Dramaturgie werden die Spieler*innen mit einer zeitkritischen Komponente konfrontiert. Irgendwann vermittelt das Spiel, basierend auf Gründen, die wir noch erfinden müssen (lacht), dass es bald zum Finale kommen wird. Was sich auf der Timeline abspielt, ist deckungsgleich mit der realen Zeit, so, wie etwa die Serie „24“ das damals gemacht hat. Auch, um diese Kommunikationsanteile der Mitspielenden in einen anderen Rahmen zu setzen.

In der aktuellen Situation bietet euer Stück eine andere Form von Miteinander, die ein klassisches Theaterstück nicht bieten kann. Viele Kulturinstitutionen arbeiten ja derzeit mit Livestreams und Archivaufnahmen, zum Anfang der Kontaktsperre wurden Theaterstücke vor leerem Haus gespielt und ausgestrahlt. Das bietet auch einen Rahmen für die Überlegung, wie man ein kulturelles Miteinander anders gestalten kann.

Regenass: Auf jeden Fall. Das ist unseren Formaten sowieso immer inhärent, diese Frage nach neuen Erlebnisformen. Ich glaube, dass machina eX sehr schnell eine Idee entwickelt hat, die diese besondere Situation, in der wir uns befinden, aufgreift. Wir schalten bestimmte Medien dazwischen, um trotzdem ein Gefühl der „Liveness“ hinzukriegen. Natürlich ist die nicht auf Kopräsenz basierend, wie man das teilweise in unseren anderen Produktionen macht, und das ist und bleibt schade, und trotzdem teilt man sich diesen virtuellen Raum, die Kommunikation, und ist miteinander beschäftigt. Was darüberhinaus passiert, ist allerdings nie festgelegt, und die Menschen, die an „Lockdown“ teilnehmen, werden sich auch kennenlernen. Es kann extrem gut sein, dass sich im Nachhinein Nachgesprächsformate integrieren lassen.

Ihr habt „Lockdown“ als Alternative zu eurem geplanten Gastspiel am FFT konzipiert, das aufgrund der Coronakrise entfallen musste. Reflektiert ihr die aktuelle Situation auch oder habt ihr das bewusst vermieden?

Regenass: Man muss zur Genese dieses Stückes wissen, dass sich ein Teil der Technologie, auf der „Lockdown“ basiert, auch auf das Stück beruft, das wir ursprünglich am FFT aufführen wollten, wobei es eine deutliche Weiterentwicklung gab. Wir recyclen unser Know-how ein bisschen, aber stellen es in einen ganz anderen Kontext. Das hat sehr pragmatische Gründe gehabt. Für uns war aber klar, dass der titelgebende Lockdown ein Teil des Settings werden soll, und gleichzeitig wussten wir, dass der Haltbarkeitswert da überschaubar sein wird. Irgendwann wird sich die Situation ja hoffentlich wieder verändern, und wir wollen etwas bauen, das auch nachhaltig funktionieren kann. Deswegen haben wir uns entschieden, die ganz konkret politischen Dimensionen dieser Situation auf die private Ebene auszulagern. Und darüber neue Ideen und Perspektiven zu schüren, wie man den Blick auf diese Gesamtsituation werfen kann, ohne das ganz explizit zu verhandeln.

Interview: Jonah Lara

Alle Termine von „Lockdown“

Mi. 6. 5., 19 Uhr (Premiere)

Do. 7. 5., 15 + 19 Uhr

Fr. 8. 5., 15 + 19 Uhr

Sa. 9. 5., 15 + 19 Uhr

So. 10. 5., 19 Uhr

„Lockdown“ wird in der Messenger-App Telegram gespielt. Alle Infos sind unter fft-duesseldorf.de zu finden.