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Tim Fischer feiert Jubiläum mit „Zeitlos“

Dass Tim Fischer diesen Monat Jubiläum feiert – auf der Bühne und auf CD –, verdankt er den Metropolen. Kritisch bleibt der Blick des Chansonniers trotzdem.

Herr Fischer, Sie feiern 30 Jahre Bühnenjubiläum. Wie fühlen Sie sich? Sagen Sie aber bitte nicht wieder ,alt‘ wie in den Interviews zum Jubiläum vor fünf Jahren!
Fischer: Ich fühle mich auch tatsächlich nicht alt, dabei steht diese Zahl 30 schon ziemlich im Raum.
Hinzu kommt: Sie standen schon viel früher auf der Bühne, als 12-Jähriger in einem Oldenburger Nachtklub.
Fischer: Ja gut, ich möchte jetzt aber nicht als 46-Jähriger mein 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern! (lacht)
Sie sind mit 17 aus der Provinz ausgebrochen und nach Hamburg gezogen. Was bedeutete damals die Metropole Hamburg für Sie?
Fischer: Natürlich die große, weite Welt! In den Träumen war es natürlich New York, aber dem kam Hamburg damals schon sehr, sehr nahe. Ich liebe Hamburg nach wie vor, nicht nur künstlerisch, damals durch das Schmidt Theater, in dem ich erste große Erfolge feiern und mich als Künstler ausprobieren konnte.
In einem Interview sagten Sie: ,Ich war Stricher damals.‘ Welche Form von Freiheit nahmen sie sich damit?
Fischer: Das war noch in Oldenburg. Dass damals das Ausleben von Homosexualität dort gar nicht auf der Tagesordnung stand, ist klar. Wenn man in der Schule einen Liebesbrief geschrieben hat, war man gleich untendurch, und der Brief wurde in der Klasse rumgezeigt. Möglichkeiten, sich auszuleben, gab es nicht. Mir liefen dann in Oldenburg in irgendeiner Unterführung, wo öffentliche Toiletten waren, Männer mit 50-Mark-Scheinen hinterher. Zunächst war ich tief geschockt, andererseits war es die einzige Möglichkeit, meine Homosexualität zu leben. Gleichzeitig kam ich in große Gewissenskonflikte. Einerseits tat ich etwas, wonach mir war, andererseits war ich damals so moralisch! So fühlte ich mich gleichzeitig gekränkt und gedemütigt.
Was wurde aus der Befreiung durch die Großstadt? Eine Selbstverständlichkeit?
Fischer: Ja!
Oder etwas, das man bewusst wahrnimmt und das es zu schützen gilt?
Fischer: Na ja, für mich ist das nun schon lange kein Thema mehr. Mir ist es aber ein starkes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass junge Menschen, die heute auf dem Land aufwachsen, unter den gleichen Problemen leiden wie ich damals. Die Akzeptanz offen schwul lebender Menschen ist dort auch heute noch nicht selbstverständlich.
Wer hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr verändert: Tim Fischer oder Städte wie Hamburg oder Berlin?
Fischer: Ich glaube, dass wir uns alle verändert haben, die Metropolen und ich. Oftmals habe ich das Gefühl, dass vor Jahren die Gesellschaft viel offener war. Wir kippen zurück in eine Art Dornröschenschlaf. Die Offenheit Flüchtlingen gegenüber zum Beispiel hat stark abgenommen, jetzt sind da wieder ganz komische Vorbehalte. Alles Fremde wird wieder als suspekt wahrgenommen.
Wie reagieren Sie als Künstler?
Fischer: Es gibt viele Aspekte, die man aufgreifen kann. Oftmals ist es so – und deshalb auch der Titel „Zeitlos“ für CD und Tour –, dass Songs, die von Friedrich Hollaender oder Georg Kreisler vor 70 Jahren geschrieben wurden, heute eine absolute Aktualität haben.
Das erinnert mich daran, dass Sie in der Serie „Babylon Berlin“ einen Nachtklubsänger spielen. Die Serie geht im Winter in die dritte Staffel. Hat sie Ihren kritischen Blick auf Berlin geschärft?
Fischer: Natürlich zieht man Parallelen zwischen dem Niedergang der Weimarer Republik und der heutigen Zeit, und da gibt es schon viele Anknüpfungspunkte. Die Gesellschaft, die auch heute sehr egozentrisch ist und nicht an morgen denkt, zeigt eine Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber. Das gab es auch in den späten 1920er-Jahren: die Armut auf der einen Seite und die Dekadenz, die daneben steht.
„Babylon Berlin“-Regisseur Tom Tykwer sagte im kulturnews-Interview, die Anziehungskraft Berlins erwüchse auch heute noch aus dem Subkulturellen, dem Geheimnisvollen der Stadt, aber auch aus ihrer Liberalität. Fehlt da das Soziale?
Fischer: Das stimmt! Natürlich passieren hier krasse Dinge, genau wie in Hamburg auch. Aber es gibt unheimlich viele Menschen, die sich sozial engagieren. Das ist immer wieder spürbar, und es macht die Stadt letztendlich auch aus. Denn nur von Glamour kann man nicht existieren. Die Menschlichkeit, die muss man spüren, und die ist in Berlin oder Hamburg absolut beheimatet. Für mich selbst ist soziales Engagement ja sowieso sehr wichtig. Wenn meine Musiker und ich in Hamburg gastieren, dann engagieren wir uns für Hamburg Leuchtfeuer, stehen nach der Vorstellung mit unseren Sektkübeln am Ausgang des Theaters und sammeln Spenden. In Berlin tun wir dies für den Hospizdienst Tauwerk e. V., der sich schwerpunktmäßig um Menschen mit HIV kümmert. Das Publikum weiß es zu schätzen, wenn sich Künstler für soziale Dinge stark machen.

Interview: Jürgen Wittner

Tim Fischer: Zeitlos Berlin ab 17. 10., ab November Deutschlandtour. Karten können Sie hier oder hier erstehen.

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