MUSIK

Tori Amos: Wasser marsch!

Portraitaufname Tori Amos
Foto: Desmond Murray

Tori Amos, dein neues Album steckt voller Wasserbezüge. Das beginnt beim Titelstück, weitere Lieder heißen „Swim to New York City“ und „Metal Water Wood“. Du lebst in Cornwall praktisch direkt am Meer. Wie intensiv ist dein Verhältnis zum Wasser?

Tori Amos: Zum Baden und Schwimmen ist es bei uns schon etwas frisch, da springe ich lieber in Florida ins Meer, wo wir auch ein Häuschen haben und ich mich unter normalen Umständen häufig aufhalte. Für die Fotos im Album-Booklet bin ich nun jedoch so innig mit dem Ozean vor unserer Haustür in Berührung gekommen wie nie. Die Bilder haben wir in einer unglaublich schönen Wasserhöhle gemacht. Wir mussten ein bisschen tauchen, um dorthin zu kommen. Zum Glück habe ich einen Neoprenanzug getragen.

„Ocean to Ocean“ ist das Ergebnis einer depressiven Verstimmung. Kam die Niedergeschlagenheit überraschend?

Amos: Ja, die Welle, die mich verschluckt hat, ist ohne Ankündigung gekommen. Zu Beginn des Jahres habe ich praktisch drei Wochen lang nur reglos dagesessen und aus dem Fenster gestarrt. Den Rest hat es mir gegeben, zusehen zu müssen, wie ein Mob aus Menschen, die das demokratische System verabscheuen, das Capitol in Washington gestürmt hat – befeuert von rückgratlosen und opportunistischen Spitzenpolitikern der Republikanischen Partei. Unsere Demokratie wäre fast vor die Hunde gegangen.

Ein Quasi-Putschversuch, das Virus, der Lockdown und auch noch die Trauer um deine Mutter, die 2019 nach einem Schlaganfall verstorben ist.

Amos: Es war eine kumulative Lebenskrise. Ich hatte meine Mutter nicht mehr, die ich immer angerufen habe, um mit ihr über die verrückten Zeiten zu sprechen, in denen wir lebten. Alles ist zusammengebrochen. Da habe ich „Metal Water Wood“ geschrieben – und plötzlich habe ich einen Ausweg aus meiner persönlichen Hölle gesehen.

Die Songs sind getragen vom Gesang und deinem Klavierspiel. Sie erinnern stilistisch an deine Anfänge mit dem Album „Little Earthquakes“, das 1992 rausgekommen ist. Kann man „Ocean to Ocean“ als eine bewusste Rückkehr zu deinen melodisch-intensiven Wurzeln bezeichnen?

Amos: Ja, ich sehe diese Parallelen auch. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mich auch mit „Little Earthquakes“ aus einer schweren Krise befreit habe. Das Album ist nach meiner Vergewaltigung und der Zurückweisung entstanden, die ich zuvor in der Musikindustrie erlebt hatte. Im Song „29 Years“ besuche ich den dunklen Ort von damals noch einmal und wünsche mir, jetzt endgültig damit abschließen zu können.

Du hast die letzten anderthalb Jahre so gut wie komplett mit deinem Mann Mark, der auch dein Toningenieur ist, und deiner 21 Jahre alten Tochter Tash verbracht. Hatte diese Zeit trotz allem auch etwas Angenehmes?

Amos: Natürlich. Tash und Mark sind eigentlich immer am Motzen: Es ist ihnen zu kalt, zu warm – was auch immer. Aber in echten Ausnahmesituationen, wenn alles den Bach runtergeht, laufen sie zur Höchstform auf. Die zwei sind nämlich wirklich witzig. (lacht) Ich sage mal so: Wenn du schon 18 Monate am Stück mit nur zwei Personen verbringen musst, dann achte darauf, dass es genau diese beiden sind.

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