Zum Inhalt springen

„Totenfrau“ Anna Maria Mühe wird auf Netflix zur brutalen Rächerin

Anna Maria Mühe in der Serie „Totenfrau“ auf Netflix.
Totenfrau - Folge 3Foto: © Netflix

Auf Netflix startet die Thrillerserie „Totenfrau“ mit Anna Maria Mühe als gnademlosem Racheengel. Die Buchvorlage stammt von Bernhard Aicher.

Als die Bestattungsunternehmerin Blum eines Morgens mitansehen muss, wie ihr Mann – von Beruf Polizist – beim Einbiegen mit dem Motorrad auf die Passstraße gleich vor dem Haus von einem heranschießenden Auto niedergemäht wird, ist sie schwer geschockt. Und doch nicht nur, sondern sofort auch im Misstrauensmodus. Sie sieht das Unfallauto in Sichtferne stehen und dann einfach wieder losfahren – Fahrerflucht oder vielleicht mehr? Brunhilde Blum, von allen kurz Blum genannt oder manchmal auch Totenfrau wegen ihres Berufs, rückt der Polizei auf die Pelle, die zwar komplett zur Beerdigung erscheint und wunderbare Reden schwingt, aber keine Ergebnisse liefert, Fahlerflucht soll in den Akten stehen. Blums Form der Trauer aber ist das Ermitteln. Als das Motorrad ihres Mannes repariert ist, brettert sie damit die Passstraßen Tirols im Höllentempo rauf und runter. Dann findet sie das Zweithandy ihres Mannes im Tankrucksack und muss feststellen, dass es in der kleiner Tiroler Gemeinde eine Parallelgesellschaft von Männern gibt, die Fürchterliches tut.

 

Die Serie Totenfrau ist die Geschichte einer Frau, die in ihrer Kindheit und Jugend schwere Traumata davontrug und ihrerseits Schlimmes tat. Jetzt ist sie Ehefrau und zweifache Mutter und im Grunde glücklich. Doch der Tod des Mannes reißt alte Wunden wieder auf. Und Blum wird aggressiv, wenn es weh tut, sie wird gewalttätig. So sehen wir in der Folge, wie Menschen in Särgen ersticken oder wie Fackeln niederbrennen, oder wie sie vergiftet werden. Vorlage der Serie ist der gleichnamige Thriller des österreichischen Schriftstellers Bernhard Aicher. Bereits das Buch war für seine unverblümte Darstellung von Gewalt bekannt, die Serie Totenfrau steht hinter dem nicht zurück. Anna Maria Mühe aber, die die Wut und Trauer ihrer Figur perfekt darzustellen weiß und auch stimmlich exzessiv rüberbringt, schwingt sich zu einem böse durch die Gemeinde streifenden Racheengel auf. Bis die Gegner ihrerseits Gewalt anwenden.

Kommen wir zu den Schwächen der Serie: Totenfrau hat gerade in den ersten Folgen Leerstellen, wo psychologisch ausgeleuchtet werden müsste, warum Blum so ist, wie sie ist. Die Rückblenden in ihre Kindheit und Jugend, die brutalen Erziehungsmethoden der Eltern, die sie irgendwann ihrerseits mit geschickter Heimtücke kontert: diese Rückblenden reichen nicht aus. Was außerdem nicht ausreicht, ist das Engagement der Polizei. Gut, beim Hauptgeschehen mag sie vielleicht die Finger mit im Spiel und von daher Gründe fürs Nichtstun haben. Aber wenn ein Mensch am Stuhl gefesselt lebendig verbrannt wird und in der Serie nur kurze Zeit später die Beerdigung ist, fragt man sich schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit der Serie: Wann haben die Staatsanwaltschaft und die Strafverfolgungsbehörden den Fall abgeschlossen?

Es hängt vieles in der Luft, der Handlungsstrang ist nach vier Folgen des Sechsteilers löchrig. Zu sehr liegt der Schwerpunkt auf der zwiespältigen Heldin, als dass Totenfrau auch Blums Umfeld – von der Familie und dem Beruf bis hin zum gesellschaftlichen Leben des Ortes und damit der Quelle der eigentlichen Gefahr – gerecht werden könnte. Anna Maria Mühe und ihrem exzessiven Schauspiel ist es zu verdanken, dass dieses Manko einigermaßen ausgeglichen wird. Als sie in den beiden letzten Folgen dann Unterstützung kriegt, tut das auch der Serie gut: In einem furiosen Finale, das noch einmal alles auf den Kopf stellt, werden nicht nur die meisten offenen Fragen beantwortet, das Finale der Serie Totenfrau ist gerade auch als Thriller sehenswert. Ob Netflix weitere Staffeln finanziert? Bernhard Aichner hat immerhin drei Thriller mit der Totenfrau geschrieben.