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Brauchen wir die alten Kerle von U2 noch? Auf jeden Fall!

U2 haben eine neue EP rausgebracht.
(Foto: Anton Corbijn )

Jahrelang dachten wir, U2 hätten ausgedient. Ihre neue EP „Days of Ash“ belegt jedoch: Nie waren sie so wertvoll wie heute.

Geben wir es zu: Spätestens, als U2 im Jahr 2014 allen Käufern des iPhone 6 ihr Album „Songs of Innocence“ zwangsschenkten – man bekam das Werk nur mit viel Arbeit aus iTunes raus – und sich diesen Akt der musikalischen Nötigung mit kolportierten 100 Millionen Dollar vergüten ließen und die Platte auch noch mies war – da hatten wir alle doch die Schnauze voll von Bono und Konsorten. Satt und selbstgerecht, lahm und langweilig erschienen uns die vier Rocker. Und dieses ständige Zu-Wort-Melden zu Krisen und Kriegen– macht doch lieber erstmal wieder gute Musik!

U2 Days Of Ash

Doch die Zeiten habe sich geändert. Was früher Darfur und Afghanistan war, ist jetzt die Ukraine, die Krisen sind nicht mehr weit weg, sondern geografisch und politisch vor unserer Haustür und bald vielleicht schon in unseren Wohnungen. Deswegen kommt politischen Statements von Weltstars wie Bruce Springsteen oder U2 wieder eine gesteigerte Relevanz zu.

U2s erstes neues Songmaterial seit „Songs of Experience“ von 2017 und vor dem neuen Album, das Ende 2026 erscheint, ist nun auf der EP „Days of Ash“ veröffentlicht worden und explizit politisch. Für Bono, The Edge, Larry Mullen jr. und Adam Clayton scheinen diese Songs, die man als Protestsongs gegen Unterdrückung, Unfreiheit und Terrorregime bezeichnen muss, eine gewisse Frischzellekur gewesen zu sein, denn sie klingen so fokussiert wie lange nicht mehr. Und schließlich haben sie mit „Sunday Bloody Sunday“, „New Year’s Day“, „Mothers of the Dissappeared“ oder „Bullet the blue Sky“ ja auch eine reiche Historie an politischen Songs.

Die ganze EP besteht aus guten, nicht überdurchschnittlichen U2-Melodien – doch es ist die politische Dringlichkeit der Gegenwart, die den Songs ihr Relevanz verleiht: mit dem faschistoiden Trump-Regime, den Klerikalfaschisten und Massenmördern im Iran, mit dem weiter wütenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, und mit dem Nahost-Konflikt mit dem Massenmord der Hamas an Israelis und dem daraus resultierenden eskalierenden Angriff der israelischen Armee mit zehntausenden Toten Palästinensern. U2 singen von mutigen Menschen, die an vorderster Front für die Freiheit kämpften – und ihr Leben verloren.

Der knackige, von The Edges Signature-Gitarren-Sound getriebene „American Obituary“ ist eine musikalische Todesanzeige für Renée Good, die Anfang Januar von ICE-„Beamten“ bei Razzien in Minnesota ermordet wurde. „The worst can’t kill what’s best in us/But they can try/America will rise/Against the people of the lie“ singt Bono gegen Trump und im Refrain „The power of the people is so much stronger than the people in power“. Es nicht Wut, die hier dominiert, es ist eine druckvolle Hymne auf Good –und ein Aufruf an all andere zum Widerstand und zur Zuversicht in dunklen Zeiten, dass Freiheit und Gerechtigkeit doch obsiegen werden.

„The Tears of Things“ ist weniger konkret auf eine Person bezogen, sondern einem Buch des Franziskanerpaters Richard Rohr entlehnt. Konkret geht es um ein imaginäres Gespräch zwischen Michelangelos David und seinem Schöpfer – in dem der junge Mann mit der Schleuder und den fünf glatten Steinen die Vorstellung ablehnt, dass er zu Goliath werden muss, um letzteren zu besiegen. Die von Akustikgitarren und Piano geführte, klassiche U2-Ballade reflektiert in seinen poetischen Lyrics, die auch vom Mussollini, dem Holocaust und Gott handeln, wie man sich auch in Zeiten von Gewalt und Verzweiflung sein Mitgefühl bewahren kann.

Der funkige Rocker „Song of the Future“ widmet sich der 2022 vom iranischen Folterregime im Zuge der Proteste gegen die Ermordung von Jina Mahsa Amini ebenfalls totgeprügelten 16-jährigen Sarina Esmailzad. Bono singt zu Beginn: „The future, as everyone knows/Is where we’re gonna be spending the rest of our life/Who said the future is closed/ Never saw the promise in her eyes… liberty.“ Junge Menschen wie Sarina, die im Refrain mehrfach ausgerufen wird, sind für U2 die Zukunft, auch wenn ihnen ihre eigene Zukunft von Mördern genommen wurde. In gewisser Weise sind sie damit unsterblich gemacht worden, keine Märtyrer, denn das beinhaltet immer auch Gewalt und Opfertod: Nein, Sarina ist eher eine Heilige, die auch jetzt noch das Schild hochhält auf dem steht: „Freiheit“.

Ein kurzes Gedicht des israelischen Autors und Dichters Yehuda Amichai ist „Wildpeace“, gelesen von der Nigerianerin Adeola (Les Amazones d’Afrique) und vertont von U2 und Jacknife Lee.

„One Life at a Time“ ist wieder ein Song-Monument für einen Helden der Freiheit: Der palästinensische Aktivist und Englischlehrer Odeh Hadalin wurde 2025 im Westjordanland von einem israelischen Siedler erschossen. Odeh hatte zuvor als Berater am Oscar-prämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ mitgewirkt, der von Palästinensern und Israelis gedreht wurde. Bei seiner Beerdigung sprach einer der Regisseure über die Ermordung seines Freundes und die Erfahrung der Palästinenser, deren „Leben eines nach dem anderen“ ausgelöscht würden. U2 greifen diese Zeile auf und drehen sie um, um damit zu suggerieren, dass eine friedliche Lösung auch durch „ein Leben nach dem anderen“ erwirkt werden kann. Der Song ist ein pulsierendes, immer wieder abgebremstes, dann von The Edges Gitarre aufgenommenes Klagelied, das in all der Hoffnungslosigkeit Hoffnung verbreiten will: „A heart that listens is a mind that grows/Time doesn’t pass it waits in place /Until it meets you face to face/A peaceful place is never still/The faith to crawl up every hill/Every hill.“

Das letzte Lied „Yours Eternally“ ist ein Zusammenarbeit mit Ed Sheeran und dem ukrainischen Musiker und Soldaten Taras Topolia, ungewöhnlich positiv gestimmt und geprägt von der bekannten, aber immer packenden U2-typischen Hymnenartigkeit. Im Frühjahr 2022, kurz nach der russischen Invasion der Ukraine, reisten die Bono und The Edge nach Kyjiw, um auf Einladung von Präsident Selenskyj in einer U-Bahnstation zu spielen. Dort trafen sie auf Taras Topolia und sind seither gute Freunde. Taras hat den Text zu „Yours Eternally“ inspiriert, mit viel Spirit und Freiheitskampf und fürs Durchhalten unter grausamem Beschuss; „Yours is the song that I’ve always sung/You are not lost out there because/You are not alone.“

Nein, „Days of Ash“ erfindet das Rad des politischen Rocksongs nicht neu. Aber in diesen ultrapolitischen Gegenwart, wo wir uns dennoch vermehrt komplett unpolitischen Stars wie Taylor Swift, Harry Styles, Sabrina Carpenter, Drake oder Dua Lipa zuwenden, ist es höchste Zeit für ein Revival des Protestsongs– denn sonst gibt es bald nichts mehr, gegen das man ansingen kann, weil das nämlich verboten wird. Klar, Bad Bunny ist auch politisch, aber nicht durch seine Message und Songs als durch sein Herkunft, seine bevorzugte Singsprache (Spanisch) und den Rassismus des US-Präsidenten.

The Edge bringt es auf den Punkt: „ Wir glauben an eine Welt, in der Grenzen nicht mit Gewalt ausgelöscht werden. In der Kultur, Sprache und Erinnerung nicht durch Angst zum Schweigen gebracht werden. In der die Würde eines Volkes nicht verhandelbar ist. Dieser Glaube ist nicht vorübergehend. Er ist keine politische Modeerscheinung. Er ist das Fundament, auf dem wir stehen. Und wir stehen darauf gemeinsam.“

U2 haben jedenfalls im rechten Moment aus der Lethargie der mit Geld abgefütterten Megastars herausgefunden – und das ist gut so.

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