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Uta Briesewitz: „Die brutalen Dinge brennen sich in die Retina ein“

Regisseurin Uta Briesewitz hat mit „American Sweatshop“ einen Film über eine Content Managerin gedreht, die täglich acht Stunden lang Gewaltvideos schauen und gegebenenfalls aus dem Internet löschen muss.
Regisseurin Uta Briesewitz hat mit „American Sweatshop“ einen Film über eine Content Managerin gedreht, die täglich acht Stunden lang Gewaltvideos schauen und gegebenenfalls aus dem Internet löschen muss. (© Uta Briesewitz)

Frau Briesewitz, ich habe gelesen, dass Sie nach zweieinhalb Staffeln der äußerst realistischen HBO-Polizeiserie „The Wire“ aufgehört haben, weil Ihnen das zu düster war, kurze Zeit später haben Sie wieder mit HBO eine Comedy gedreht mit der Serie „Hung“ …
Uta Briesewitz: No no no! Das muss ich geradestellen! Ich habe „The Wire“ nicht aufgehört, weil die Serie zu düster war. Am Anfang der dritten Staffel von „The Wire“ war der ausführende Produzent Robert Colesberry tragisch und unerwartet verstorben. Sein Tod hat mich damals sehr mitgenommen. Ihm verdankte ich diesen unglaublichen Job. Wäre das nicht geschehen, hätte ich „The Wire“ niemals verlassen. Ich stand im großen Konflikt mit mir selber, diese Entscheidung zu treffen. Letztendlich hatte ich ein Gespräch mit seiner Witwe, die meine Entscheidung, nach LA zu gehen, unterstützte.

Eine Fehlinformation aus dem Netz.
Uta Briesewitz: Eine totale Fehlinformation. Ich hatte für die Russo-Brüder Anthony und Joe – die „Avengers: Endgame gemacht haben – einen Piloten gedreht, danach haben die mich fast zwei Wochen lang täglich angerufen und gesagt, ich soll doch bitte mit ihnen zurück nach Los Angeles kommen und ihre Show drehen. Ich hatte aber nicht vor, „The Wire zu verlassen“ und in L .A. eine Show zu drehen, von der ich wusste, dass sie nicht sonderlich interessant sein würde, aber ich wollte nun mal zurück nach L. A. ziehen. Dann dachte ich, dass es doch besser ist, mit statt ohne Job umzuziehen. Außerdem wusste ich, die Russo-Brüder würden es zu was bringen, so dass es nicht schlecht wäre, mit ihnen eine Arbeitsverbindung zu haben.

Kommen wir zu „American Sweatshop“, Ihrem Spielfilm, weswegen wir miteinander sprechen. Die Chefin von Daisy, die als Content-Moderatorin brutale Videos im Netz löschen muss, sagt zu dieser: „Vergessen Sie nie: Wir sind nicht die Zensur! Wir sind Moderatoren.“ In der Kernenergie ist ein Moderator ein Stoff, der Neutronen mit hoher Energie abbremst. Das trifft auf die Jobs in „American Sweatshot“ zu wie die Faust aufs Auge.
Briesewitz: Auffangen mit Körper und Geist, ja, sie werden von links und rechts gehauen, und der Schaden, der dabei entsteht, ist …

Wenn diese schlimmsten, brutalsten Momente im Film gezeigt werden, geht die Kamera ganz nah ran an die Gesichter. Stroboskopartig kurz werden die Momente dazwischengeschnitten, wenn man überhaupt genau erkennen kann, was da gezeigt wird. Am ruhigsten sieht man das Ereignis noch in der Pupille von Daisy, ganz klein, während das entsetzte Gesicht ganz groß im Bild ist.
Briesewitz: Ja und das hatte verschiedene Gründe. Grundsätzlich ging es mir darum, dass ich in einem Film, der traumatisierende Videos zum Thema hat, nicht einfach diese Videos zeigen wollte, um die Zuschauer nicht auch noch zu traumatisieren. Ich will aber darauf aufmerksam machen, wie schädigend diese Videos sein können. Es war somit klar, dass ich das mehr über Sounddesign machen würde, ansonsten nur mit einer Andeutung oder gar nur dem Titel eines Videos. Ein Titel wie „Fetus in a Blender“ lässt einen ja schon ergrauen. Wir mussten aber ständig diese Monitore im Raum an den Arbeitsplätzen befüttern.

Was haben Sie statt dessen gemacht?
Briesewitz: Das sind alles Videos, die von meinem Handy kommen und vom Handy meines Drehbuchautors Matthew Nemeth. Wir waren ein paar Tage lang nur damit beschäftigt, das zu tun. Aber: Nichts davon ist ein echtes gewalttätiges Video, selbst wenn Blut sieht und Schnittwunden im Finger, war das Halloween-Make-up meiner Tochter. Die Videos sind alle absolut gewaltfrei. Und was das Hauptvideo anbetrifft, das Daisy sehen muss …

Das Hammer-Video.
Briesewitz: Ja, das Hammer-Video, das haben wir natürlich selber gedreht. Das ist ein sexueller Gewaltakt gegen eine junge Frau. Es war mir wichtig, diesen Moment nicht unnötig zu sexualisieren, wie das sehr oft der Fall ist. Man kann das auch anders zeigen. Ich zeige keinen nackten Busen, ich zeige keinen BH, ich zeige keinen Schlüpfer. Wenn man alles drumherum wegnimmt, sieht man nur einen Fuß, ein Fußgelenk, einen Arm oder ihr Gesicht. Vom Hauptmoment wollte ich mich noch einmal entfernen, weil: Wenn man eine Spiegelung sieht, ist die Emotion ein bisschen weiter weg, gleichzeitig lehnt man sich beim Zuschauen weiter nach vorne, um das genauer zu erkennen.

Das meiste findet in der Fantasie der Zuschauer statt.
Briesewitz: Absolut. Und wenn die Zuschauer sagen, das war so brutal, ich konnte gar nicht hingucken, denke ich mir: Es hat funktioniert. Denn die dunkelsten Momente, die wir ganz bewusst auslassen, haben sie dann selber ausgefüllt. Die Nahaufnahme auf Daisys Pupille hatte für mich die Aussage, dass sich die brutalen Momente in die Retina einbrennen und damit im Gehirn – und die kommen unkontrollierbar immer wieder hoch. Die Menschen, die diese Arbeit leisten, leiden of an einem Posttraumatischen Belastungssyndrom. Dieses ungewollte zurückgehen zu einer Erinnerung, die einen sehr verstört hat.

Mir kam Michael Haneke in den Sinn, der ebenfalls keine Gewalt in seinen Filmen zeigt, selbst wenn es nur um Gewalt geht. Er zeigt aber die Gesichter der Opfer.
Briesewitz: Genau, darum geht es in dieser Geschichte: Um das Internet sauber zu halten, müssen Menschen in diesen Büros leiden, indem sie sich acht Stunden am Tag das Schlimmste ansehen müssen, das das Internet zu bieten hat.

Szene aus „American Sweatshop“: Content Moderatorin Daisy konfrontiert den vermeintlichen Täter mit seinem brutalen Video.
Szene aus „American Sweatshop“: Content Moderatorin Daisy konfrontiert den vermeintlichen Täter mit seinem brutalen Video. Foto: Foto: Plaion Pictures / © Guido Marx

Sie zeigen in diesem Raum Unwohlsein in allen Schattierungen, in dem Sie die Gesichter der Menschen zeigen: Entsetzen in aufgerissenen Augen, verzerrte Gesichter des Schreckens, mimisches Kippen in einen Weinkrampf; aber auch physische Gewaltausbrüche sind zu sehen oder das Erbrechen in einem Mülleimer.
Briesewitz: Wir berühren verschiedene mögliche Reaktionen. Und Bob mit seinem Gewaltausbruch, den Joel Fry so wunderbar spielt, war auch ein bisschen unser Comic Relief. Es war notwendig, ein etwas schwarzen Humor in den Film zu bringen, um das Zuschauen zu erleichtern und dann wieder bereit zu sein, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Ich glaube aber, dass die Reaktionen realer Content-Moderatoren in Wirklichkeit viel härter sind, als bei uns im Film: Alkoholismus, Depression, Selbstmordgefährdung sind dort häufig die Folgen.

Daisy, die von Lili Reinhart gespielt wird, wirkt auf mich zunächst leicht verschlossen, obwohl man so viel über sie erfährt, über ihre zunehmende Veränderung bis hin zum Drang, endlich zu handeln, selbst wenn sie dabei kriminell wird.
Briesewitz: Aber das hat sie ja nicht von Anfang an vor. Als sie ihren Kollegen Paul bittet, rauszukriegen, wo das Video herkommt, fragt er sie: Was willst du damit anfangen? Darauf hat sie keine richtige Antwort, keinen Plan. Sie will dem Täter aber in die Augen schauen, sie will die Konfrontation, will nach dem Warum fragen. Was sie nicht will, ist, sie in einen Waffenladen zu gehen und eine Waffe zu kaufen.

Immerhin geht sie zur Polizei. Aber sie hat schon auch Gewalt im Sinn.
Briesewitz: Das kommt dann auch langsam hinzu, weil sie schon so lange der Gewalt ausgesetzt ist durch ihren Job, so dass Gewalt bei ihr mehr an die Oberfläche kommt, dass sie dazu in der Lage ist.

Sie lässt im sozialen Leben auch Fürsorge schleifen, als sie die Tochter des Nachbarn, auf die sie aufpasst, alleine in der Wohnung zurücklässt.
Briesewitz: Das Video löst in ihr eine Besessenheit aus. Da fehlt dann in der Folge ihre Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Sie wird vom Video gejagt und denkt, das hört auf, wenn sie die Verantwortlichen konfrontiert.

Ganz am Ende durchbricht Daisy die vierte Wand und schaut den Zuschauern fast lächelnd in die Augen. Ich erwarte darauf gar keine Antwort, ich möchte nur sagen, dass ich dadurch – auch wenn das Ende komplett offen ist – mit einem Lächeln aus dem Film gegangen bin.
Uta Briesewitz: Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, hatte ich an der Stelle nur noch zwei Seiten und dachte zunächst: Wie hört denn das Ding jetzt auf? Aber dann war dieser Schluss befriedigend für mich, weil er mich mit der Frage zurückgelassen hat, die ich mir selber gestellt hatte.

Kann denn die KI den Job irgendwann übernehmen, wenn das Reinigen des Internets absolut toxisch für einen Menschen ist?
Uta Briesewitz: KI kann das nicht übernehmen, und das spricht der Film ja auch an. Um einschätzen zu können, welches Video nicht gesehen werden sollte, braucht man die Fähigkeit, zu leiden. Zu sehen, dass das Video Schmerz verursacht, dass es schockiert. Dieses menschliche Leiden kann KI nicht ersetzen. Im Film fällt ja auch einmal der Satz: Wir werden für unser Leiden bezahlt.

Interview: Jürgen Wittner

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