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Walter Kirn: Blut will reden – Eine wahre Geschichte von Blut und Maskerade

„Lügner sind anstrengende Zeitgenossen“, stellt der Erzähler am Schluss des Buches fest – und als Leser ist man geneigt, ihm zuzustimmen. Dabei ist der Lügner, um den es hier geht, ein besonders faszinierendes Exemplar: Christian Gerhartsreiter aus dem finstersten Oberbayern, der in den 70er Jahren, noch als Schüler, in die USA reist – und einfach bleibt.

Unter verschiedenen angenommen Namen erschummelt er sich den gesellschaftlichen Aufstieg (einer seiner Tricks: wohlhabende Frauen heiraten); und als ihn Walter Kirn kennen lernt, ist er bereits ziemlich weit oben angekommen. Er lebt in Manhattan, ist als Finanzinvestor tätig und nennt sich, ganz ungeniert, Clark Rockefeller. Sein Erfolg ist der beste Beweis dafür, dass Namen Leute machen – doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich letztendlich nichts. Kirn durchschaut den angeblichen Rockefeller erst, als der längst aufgeflogen ist und ihm der Prozess wegen eines lange zurückliegenden Mordes gemacht wird.

Und er stellt fest: Das Psychopathische an Gerhartsreiter ist, dass er den Erfolg rein um seiner selbst willen sucht. Echte Persönlichkeitsmerkmale: Fehlanzeige. Wie bei einer Matroschka-Puppe kommt immer wieder nur eine neue leere Hülle zum Vorschein. Die Spannung bezieht Kirns Bericht daraus, wie es Gerhartsreiter immer wieder gegen jede Wahrscheinlichkeit gelingt, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber es erfordert schon einiges an Durchhaltevermögen, um einer solchen menschlichen Leerstelle bis zum Schluss Interesse entgegenzubringen. Denn Erkenntnisse über die Natur des Bösen oder derartiges mehr wird man hier vergeblich suchen. (rr)

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