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Musik

Wohin flieht man eigentlich? Fontaines D.C. geben Eskapismus einen Sound

Auf „Dopamine Chamber“ gibt es keine Landkarte mehr, nur noch Räume: Fontaines D.C. bauen eine Kammer aus kalten Synthesizern und Geisterstreichern, in der Flucht süßer klingt als Ankommen.

Die Band Fontaines D.C. steht zu fünft an einer Wand und schaut in die Kamera.
Fontaines D.C.bauen eine dunkle, dystopische Welt auf „Dopamine Chamber“. (Foto: Ewen Spencer)

Fontaines D.C. haben ihre Alben immer um Orte gebaut. Erst ging es um Dublin, dann darum, von Dublin wegzukommen, dann um Romantik als konzeptueller Ort. Auf „Dopamine Chamber“ gibt es keine Landkarte mehr, nur noch Räume. Das Album ist ein dystopisches Szenario des Eskapismus: eine Kammer aus kalten Synthesizerflächen und marschierenden Drums, in der italienische Streicher aus den Sechzigern wie Gespenster wandern. Die Hoffnung? Haben sie absichtlich draußen gelassen. Genau das macht es so grandios.

Mit „Romance“ gelang der Band der große Durchbruch, als Teil der Green Wave prägte sie das irische Popkultur-Revival mit. Dass sie diese Romantik jetzt loslässt, hätte ein Karriereknick werden können. Stattdessen klingt es nach Weiterentwicklung, wie jedes Album seit ihrem Debüt „Dogrel“ im Jahre 2019 seit dem die Band Wiederholung verweigert und ihren Sound stets weiter eintwickelt. Im fünften Album ist es kühl, isoliert, einsam, und trotzdem ist diese Fantasiewelt so real, weil sie den Gefühlszustand der meisten Menschen in dieser Gesellschaft trifft. Lust und Verlangen stehen nicht mehr für Nähe, sondern für Flucht: Liebe als Fluchtfahrzeug, Dopamin als Ausweg aus einer kaputten Welt.

Was das Album so stark macht, ist sein Sog. Er ist das Motiv, das alles zusammenhält, und er funktioniert beinahe unverschämt gut. „Marianne“ öffnet wie ein Samtvorhang das Foyer. „I can help you disappear“, singt Grian Chatten, und man will gar nicht widersprechen. Ja sagen, verschwinden, sich in den Bann ziehen lassen. In „Mimesis“ wird daraus ein Ballsaal: Die 80s-Synths klingen fast tanzbar, obwohl das Parkett knarzt und man sich nicht ganz sicher fühlt. „One Man“ legt alles in Zeitlupe, Streicher und Orchester tragen den Song, das Titelwort fällt endlich: Dopamine Chamber. Man treibt schwerelos wie im Vakuum und will nur eines: nicht loslassen.

Dann kippt es. „Where is Gone?“ mit Rosalía schwebt zwar noch, befreit aber nicht mehr, sondern trifft wie ein Schlag in den Magen. Die Stimmen der katalanischen Art-Pop Künstlerin und Chattens verschmelzen wie ein Gespräch zweier Liebender, das Gänsehaut macht. „Happy for You“ sagt am Ende sanft, was die anderen Räume nicht aussprechen wollten: Wenn du gehst, laufe ich dir nicht hinterher. Gitarre und Schlagzeug türmen sich auf, bis das Zimmer zu klein wird. Und der Wunsch aus dem Opener „Six Shot Morning“, eine Million Jahre zusammenzubleiben, klingt schlussendlich weniger romantisch als dystopisch.

Obwohl das Album so eigenwillig ist, ist es für alle nachvollziehbar, denn es trifft den Zeitgeist und bündelt Emotionen, die viele kennen, aber kaum jemand so ausspricht. Mit „Dopamine Chamber“ könnte die Band sogar noch mehr Erfolg haben als mit dem Durchbruch, den sie hinter sich gelassen hat. Wohin also flieht man nun? Am Ende steht die Kammer offen. Was mit den Hörer:innen darin passiert, ist Teil des Experiments. Lust und Angst verschmelzen hier mal hymnisch, mal düster, bis sie eins werden. Und am Ende bleibt nur die Wahl: sich der kaputten Welt und der Angst zu stellen oder der Verführung und Lust hinzugeben. Man darf bleiben, man muss nur wissen, dass man es freiwillig tut.

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