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Musik

Soundtrack zum Untergang – Fontaines D.C. geben Eskapismus einen Sound

Von Dublin über London zum radikalen Eskapismus: „Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C. ist eine Flucht ohne Landkarte.

Die Band Fontaines D.C. steht zu fünft an einer Wand und schaut in die Kamera.
Fontaines D.C.bauen eine dunkle, dystopische Welt auf „Dopamine Chamber“. (Foto: Ewen Spencer)

Das fünfte Album der irischen Postpunk-Band Fontaines D.C. ist ein dystopisches Szenario: eine Kammer aus kalten Synthesizerflächen und marschierenden Drums, durch die italienische Streicher wie Gespenster wandern und den Untergang schöner klingen lassen als je zuvor. Die Hoffnung? Haben sie absichtlich draußen gelassen – und genau das macht es so grandios.

Als Teil der Green Wave haben Fontaines D.C. das irische Popkultur-Revival mitgeprägt. Seit ihrem Debüt „Dogrel“ aus dem Jahr 2019 verweigert sich die Band der Wiederholung und entwickelt ihren Sound stetig weiter. Vom Postpunk-Ursprung und der Gitarrenlast wenden sich Fontaines D.C. nun ab: Auf dem fünften Album ist es kühl, isoliert, einsam – und trotzdem wirkt diese Fantasiewelt so real, weil sie den Zeitgeist trifft. Das Album ist ein passender Soundtrack zu dem Albtraummodus, in dem unsere Welt gerade steckt: KI, Nachrichtenüberfluss, allgemeine Lähmung im Ausnahmezustand. Lust und Verlangen stehen nicht mehr für Nähe, sondern für Flucht: Liebe als Fluchtfahrzeug, Dopamin als Schmerzmittel, das die Angst betäubt. Von Optimismus keine Spur, eher ein Treibenlassen in der Verzweiflung.

Vier Alben, vier Orte

Wer Fontaines D.C. verstehen will, muss fragen, wohin sie gehören. Das D.C. steht für Dublin City, und Identität zieht sich durch jedes Album: Klasse, Zugehörigkeit, die Frage, was Irisch-Sein heißt. „Dogrel“ erzählt von Figuren der Dubliner Arbeiterklasse. Die Band liebt und hasst ihre Stadt, glaubt aber daran, dass sich Dublins Kultur retten lässt. „A Hero’s Death“ handelt vom Aufstieg, einer endlosen Tour und davon, was von der irischen Identität bleibt, wenn man ständig unterwegs ist. Nach dem Umzug nach London traf die Band auf Vorurteile, war aber noch stolzer, Irland im Namen zu tragen – und zugleich nagte die Schuld, die Heimat verlassen zu haben. Dieser Konflikt aus Stolz und Schuld trägt „Skinty Fia“, am deutlichsten in „I love you“. Mit Produzent James Ford löst sich die Band auf „Romance“ vom Post-Punk: hymnischer Britpop trifft auf Alt-Rock- und Industrial-Einflüsse. Der Ort ist keine Stadt mehr, sondern ein Gefühlszustand: Romantik in einer chaotischen Großstadt.

Auf „Dopamine Chamber“ nun existiert vom ersten Klang bis zum letzten Rauschen ein Sog. Er ist das Element, das alles zusammenhält, und es funktioniert unverschämt gut. „Marianne“ öffnet wie ein Samtvorhang das Foyer. „I can help you disappear“, singt Grian Chatten, und da will man gar nicht widersprechen. Ja sagen, verschwinden, sich in den Bann ziehen lassen. In „Mimesis“ wird die Dopaminkammer zum Ballsaal: Die 80s-Synths klingen fast tanzbar, obwohl das Parkett knarzt und man sich nicht ganz sicher fühlt. „One Man“ legt alles in traumähnliche Zeitlupe, Streicher und Orchester tragen den Song, der Albumtitel fällt endlich: Dopamine Chamber. Man treibt schwerelos wie im Vakuum und will nur eines: nicht loslassen.

Dann kippt es. „Where is gone?“ mit Rosalía schwebt zwar noch, befreit aber nicht mehr, sondern trifft wie ein Schlag in den Magen. Die Stimme der Katalanin und die von Grian Chatten verschmelzen wie das Gespräch zweier Liebender, unheimlich und melancholisch zugleich. „Happy for you“ sagt am Ende sanft, was die anderen Räume nicht aussprechen wollten: Wenn du gehst, laufe ich dir nicht hinterher. Gitarre und Schlagzeug türmen sich auf, bis das Zimmer zu klein wird. Und der Wunsch aus dem Opener „Six Shot Morning“, eine Million Jahre zusammenzubleiben, klingt schlussendlich weniger romantisch als dystopisch.

Losgelöst von Irland und von konkreten Orten ist die Band in einem dystopischen Hoffnungsvakuum gelandet, das von Dopamin regiert wird. Wohin also flieht man nun? Am Ende steht die Kammer offen. Was mit den Hörer:innen darin passiert, ist Teil des Experiments. Lust und Angst verschmelzen hier mal hymnisch, mal düster, bis sie eins werden. Und am Ende bleibt nur die Wahl: Stellt man sich der kaputten Welt und der Angst? Oder gibt man sich der Verführung hin?

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