MUSIK

„Waking World“ von Youn Sun Nah: „Mein Frust war ein toller Treiber“

Portraitfoto Youn Sun Nah
Foto: Warner/Isaac

Youn Sun Nah, du veröffentlichst seit 20 Jahren Alben, doch „Waking World“ ist das erste mit komplett eigenen Liedern. Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

Youn Sun Nah: Tatsächlich Corona. Ohne die Pandemie hätte ich diesen Schritt niemals gewagt. Ich dachte immer, ich sei noch nicht bereit – vielleicht bin ich es auch immer noch nicht. Doch Songs zu schreiben, war so ziemlich das Einzige, was ich daheim am Computer in Südkorea noch machen konnte.

Üblicherweise bist du eine weltweit gefragte und gebuchte Sängerin. Du hast mehrere Jahre in New York gelebt und hältst dich nie lange an einem Ort auf. Was hat die erzwungene Sesshaftigkeit mit dir gemacht?

Youn Sun Nah: Die Umstellung war hart für mich. Ich hatte noch eines der letzten Flugzeuge von New York nach Seoul erwischt, saß dann in der Heimat, fühlte mich künstlerisch und persönlich gefesselt und wurde so deprimiert, dass ich 2020 fast gar nicht mehr gearbeitet habe. Zum Glück lebe ich anderthalb Stunden außerhalb von Seoul auf dem Land, bin in zwei Minuten in den Bergen und kann viel spazieren gehen. (lacht) Die größte Gefahr in meinem Leben geht aktuell definitiv von den großen, wilden Schweinen aus, die im Gebirge leben und echt hart drauf sind.

Viele der neuen Songs auf „Waking World“ sind gar nicht so traurig und balladesk, wie man es von dir kennt, sondern richtig kernig.

Youn Sun Nah: Super, wenn du das so siehst. Ich denke, wenn ich aufgebracht bin und mich ärgere, setzte ich viel mehr Kraft frei, als wenn ich – wie meistens – besonnen und freundlich bin. Mein Frust angesichts der ganzen Situation war ein toller Treiber.

Südkorea ist kulturell momentan sehr angesagt. Der Film „Parasite“, K-Pop-Bands wie BTS oder die Serie „Squid Game“ sind nicht nur extrem erfolgreich sondern auch gesellschaftlich relevant. Was denkst du über diesen Boom?

Youn Sun Nah: Das ist total traumhaft. Wie wohl die meisten Koreaner meiner Generation hätte ich mir nie vorstellen können, dass uns eine solch umfassende friedliche Invasion gelingt.

Hast du „Squid Game“ gesehen, oder war dir die Serie zu brutal?

Nah: Mit ein paar Freunden habe „Squid Game“ in einer Nacht am Stück geschaut. Wir konnten nicht mehr aufhören, der Sog war gewaltig. Sicher sind viele Szenen harsch, doch die Kritik an der Ungleichheit und Ungerechtigkeit unseres gnadenlosen Systems, die den Kern der Serie bildet, finde ich extrem wichtig und auch berechtigt. Außerdem haben wir als Kinder diese Spiele selbst alle gespielt. (lacht)

Allerdings wurde dabei niemand getötet.

Youn Sun Nah: Das ist wahr. Südkorea ist eines der sichersten Länder der Welt. Es ist etwa verboten, Waffen zu tragen. Vielleicht dient uns eine Serie wie „Squid Game“ auch dazu, ein paar dunkle Fantasien auszuleben.

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