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„28 Years later: The Bone Temple“: Die Abgründe der Nostalgie

„The Bone Temple“ heißt der zweite Teil der Filmreihe „28 Years later“, der jetzt in den Kinos anläuft.
Sir Jimmy Crystal (Jack O'Connell) with the Jimmies. „The Bone Temple“ heißt der zweite Teil der Filmreihe „28 Years later“, der jetzt in den Kinos anläuft. (Foto: Sony Pictures)

Nur ein halbes Jahr nach „28 Years later“ kommt die Fortsetzung – und wieder gewinnen die Macher:innen der Zombie-Apokalypse ungeahnte Tiefe ab.

Als Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland letztes Jahr wieder zusammengefunden haben, um mit „28 Years later“ ihren Horrorklassiker „28 Days later“ aus dem Jahr 2002 weiterzuerzählen (das Sequel „28 Weeks later“ von 2007, an dem beide nur peripher beteiligt waren, können wir wohlgemut ausklammern), waren manche Fans des Originals enttäuscht. Zu wenig blutige Zombie-Action, zu viel Nabelschau und familiäres Drama. Doch die meisten Zuschauer:innen waren begeistert von der Art, wie Boyle und Garland dem eigentlich längst auserzählten Zombie-Stoff neue Aspekte abgewonnen haben. Jetzt kommt mit „The Bone Temple“ der zweite Teil von „28 Years later“ in die Kinos.

„28 Years later“ ist ein surrealer Abenteuerfilm und eine überraschend bewegende Meditation über Trauer. Und mit seinen Brexit-Bezügen – die britischen Inseln abgeschottet vom Rest der Welt, während die isolierte Bevölkerung in Aberglaube und Paranoia versinkt – auch unübersehbar politisch. Die Fortsetzung „28 Years later: The Bone Temple“ ist nun schon weniger experimentell und überraschend, doch noch immer höchst originell – und ein effektiverer Horrorfilm.

Am Ende von „28 Years later“ hat der junge Spike (Alfie Williams) die isolierte Inselgesellschaft seiner Kindheit verlassen und sich auf die Reise durch das von aggressiven, kannibalistischen Infizierten überrannte Festland gemacht. Doch eine Begegnung mit dem exzentrischen Jimmy (Jack O'Connell) und seinen jugendlichen Soldat:innen ließ Übles ahnen.

Gleich der Anfang der Fortsetzung bestätigt unsere Sorgen: Nach einem brutalen Aufnahmeritual wird Spike zum neuesten Mitglied der Gruppe und erhält wie alle anderen eine blonde Perücke sowie den Spitznamen Jimmy. Die anderen Jimmys sind dem Ober-Jimmy – mit vollem Namen Sir Lord Jimmy Crystal – treu ergeben und halten ihn, der sich als einziger an das Ausbrechen des Wut-Virus’ erinnert, für einen Propheten, der aus Teletubbies-Episoden zitiert, als wären es heilige Texte. Gemeinsam hinterlassen sie eine Schneise der Zerstörung und machen bei ihrer Gewalt auch vor den verstreuten Überlebenden nicht halt.

„The Bone Temple“: Ein Jimmy kommt selten allein

Dass sich in vielen Zombie-Filmen die Menschen als die eigentlichen Monster entpuppen, ist längst ein Klischee – wurde aber selten so erbarmungslos bewiesen wie hier. Jack O'Connell, so gut als Obervampir in „Blood & Sinners“, erweist sich einmal mehr als verstörender, aber tief drin zutiefst verletzlicher Schurke. Dass sein Look und der Spitzname Jimmy von Jimmy Savile, der britischen BBC-Ikone, inspiriert sind, ist eine bitterböse Pointe, wurde doch nach Saviles Tod 2011 bekannt, dass er hundertfach Kinder sexuell missbraucht hatte. In der Welt von „28 Years later“, in der es 2011 längst keine BBC mehr gab, sind diese Verbrechen natürlich nie ans Licht gekommen.

Während Spikes Vater Jamie (Aaron Taylor-Johnson), der sich am Ende des Vorgängers auf die Suche nach seinem Sohn gemacht hat, in diesem Teil nicht mehr vorkommt, gibt es ein Wiedersehen mit Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes). Der eigenwillige Arzt lebt allein auf dem Festland und hat aus den zahllosen Leichen den titelgebenden Knochentempel gebaut. Dank seiner mit Jod eingeriebenen Haut ist er vor dem Virus geschützt, doch in jüngster Zeit geht er sogar noch weiter. Mit einem Cocktail aus Drogen ist hat er es geschafft, den von ihm Samson (Chi Lewis-Parry) getauften „Alpha“ – einen besonders aggressiven und starken Infizierten – vorübergehend friedlich zu machen. Könnte es ihm gar gelingen, Samson von der Krankheit zu heilen? Die überraschend harmonische Beziehung zwischen den ungleichen Männern wird erst bedroht, als Jimmys Kult über den Knochentempel stolpert …

Zombies sind die Randfiguren

Garland hat erneut das Drehbuch geschrieben, Boyle allerdings die Regie Nia DaCosta, unter anderem bekannt für ihr „Candyman“-Remake, überlassen. Ihr Stil ist weniger punkig und hyperaktiv als Boyles, sodass „The Bone Temple“ rein visuell konventioneller daherkommt als der Vorgänger. Doch die düstere, absurde, aber in sich schlüssige Welt, die Garland erschaffen hat, zieht uns trotzdem in ihren Bann. Und DaCosta fängt nicht nur schonungslos die Gewalt dieser Welt ein, sondern findet auch Bilder, die in ihrer Ruhe und Schönheit im Kontrast dazu fast surreal wirken. Die Aufnahmen von Kelson und Samson, die nebeneinander in der Sonne sitzen, bleiben ebenso im Gedächtnis wie eine musikalische Einlage gegen Ende, die lächerlich sein könnte, aber vor allem konsequent ist.

Wem schon der Vorgänger nicht genug Zombies hatte, der wird auch mit „The Bone Temple“ nicht warm werden. Nie waren die Infizierten mehr Beiwerk als hier. Doch immerhin gibt es sie in der Welt des Films schon seit 28 Jahren, die Bevölkerung hatte also genügend Zeit, sich an sie zu gewöhnen. Und womöglich ist das genau die Aussage, die Garland, DaCosta und Boyle am Herzen liegt. Die Bedrohung der Krankheit, so schrecklich sie auch sein mag, ist nicht unentrinnbar. Wenn die Überlebenden wirklich wollten, könnten sie anders damit umgehen – zusammenarbeiten, einander helfen, möglicherweise sogar an einem Heilmittel forschen. Stattdessen regieren Angst und Hass, religiöser Fanatismus gepaart mit blinder Nostalgie für objektiv gar nicht mal so gute (und natürlich britische) Popkultur.

Ein Sequel ist in Arbeit

Die politischen Gegenwartsbezüge sind allemal vorhanden. Und der Abschluss der Trilogie ist auch schon in Arbeit, diesmal sogar mit Cillian Murphy, Star von „28 Days later“, der als seine Figur Jim zurückkehrt. In Anbetracht dessen, was „The Bone Temple“ über Nostalgie zu sagen hat, fragt man sich fast, ob dieser Rückbezug aufs Original überhaupt notwendig ist. Allerdings haben Garland und Boyle sich einen Vertrauensvorschuss mehr als verdient. Wir dürfen also hoffen, dass auch der dritte Teil von „28 Years later“ dem Zombie-Genre neue Aspekte abgewinnt. Vielleicht sogar einen Kommentar zu unserer Obsession mit Fortsetzungen und Remakes?

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