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Tilman Rammstedt: Morgen mehr

Tilman, dein neues Buch ist als Fortsetzungsroman im Netz entstanden: Von Januar bis April musstest du jeden Tag ein Kapitel abliefern. Trotzdem erscheint „Morgen mehr“ in Buchform erst jetzt – und nicht wie angekündigt im Mai.
Tilman Rammstedt: Mein Verlag hatte strategische Gründe, das Buch zunächst für den Mai anzukündigen. Ehrlich gesagt hatte da aber niemand dran geglaubt, denn dann hätte man den Text ja bestenfalls noch auf Rechtschreibfehler untersuchen können. Tatsächlich ist also alles genau nach Plan gelaufen, und ich habe sogar eine Woche früher abgegeben als ich gemusst hätte.

Dann hat sich dein Leben durch das Projekt radikal geändert, du gehst strukturiert wie nie zuvor durch deinen Schriftstelleralltag, und verpasste Deadlines sind kein Thema mehr?
Rammstedt: Genau. Die Zeit des Zauderns ist ein für alle mal vorbei, und ich bin schon mit dem übernächsten Roman so gut wie fertig. Nein, ganz so ist es leider nicht. Tatsächlich spüre ich momentan nur eine große Erleichterung, dass ich es überstanden habe, und den therapeutischen Effekt dieses Projekts habe ich noch gar nicht ausgewertet. Ob ich das nächste Buch jetzt genau so schreibe oder das gar nicht mehr nötig habe, das wird man dann sehen.

Ärgert es dich inzwischen, im Hinblick auf die Schreibblockaden und deine chaotische Arbeitsweise so offen gewesen zu sein?
Rammstedt: Ich bereue es nicht, aber in gewisser Weise ist Offenheit ja auch nur eine Strategie – und es ist die Strategie, die mir am leichtesten fällt. Die Grenze zur Koketterie ist da aber immer bedrohlich nah, und die will ich nicht überschreiten. Mittlerweile langweilt es mich vor allem, wenn immer wieder die Schreibblockaden zum Thema gemacht werden. Ich habe nicht das Gefühl, dass mich die besonders auszeichnen, und aus Gesprächen mit vielen Kollegen weiß ich, dass sie bei Schriftstellern eher der Normalfall sind. Außerdem veröffentliche ich ja in ziemlich regelmäßigen Abständen Bücher, so schlimm kann es also gar nicht um mich bestellt sein. Aber nach wie vor suche ich nach Strategien des gesunden Schreibens. Aber das mache ich dann doch lieber mit mir alleine aus.

„Morgen mehr“ spielt Anfang der 70er, und ein noch nicht geborener Erzähler muss dafür sorgen, dass seine Eltern sich begegnen und er gezeugt wird. Würdest du sagen, der Text unterscheidet sich aufgrund der veränderten Entstehungsbedingungen von deinen bisherigen Romanen?
Rammstedt: Natürlich gibt es Dinge in diesem Buch, die ich vorher noch nicht gemacht habe und die ich wohl auch nicht gemacht hätte, wenn ich es auf andere Weise, also nicht so öffentlich, geschrieben hätte. Die klare Kapitelstruktur zum Beispiel, die Vielzahl an Cliffhangern, und all die Formspielereien, in die ich mich an den Tagen geflüchtet habe, an denen ich noch nicht so genau wusste, wie die Geschichte denn nun weiter gehen soll.

Du baust Listen ein, führst ein Interview mit einem Hammer, der einer Protagonistin einen wichtigen Dienst erweisen soll, und schreibst insgesamt viel mutiger als bisher.
Rammstedt: Ich würde es eher als verspielter bezeichnen. Zwischendurch hatte ich beim Schreiben sogar eher die Befürchtung, dass es nicht mutig genug werden würde, dass mich der Druck des täglichen Veröffentlichen scheuer machte als mir lieb war. Gegen diese Scheu musste ich anschreiben.

In Sachen Humor hat du aber noch mal ordentlich draufgelegt. Weil neben dem Gesamtkonzept auch enorm wichtig war, dass der Text in Tagesportionen reizvoll ist?
Rammstedt: Jedes der täglichen Kapitel musste ja für sich allein bestehen können. Es gibt in diesem Buch also nichts, was sich über fünf oder zehn Seiten langsam aufbaut. Die Dynamik ist höher. Und dadurch wohl auch Ausschläge, sowohl, was den Humor angeht, als auch die Geschehnisse im Allgemeinen.

Haben dich dabei die Kommentare der Leser angespornt, die den Text täglich via WhatsApp oder per Mail bekommen haben?
Rammstedt: Es sollte zwar kein interaktiver Roman sein, trotzdem gab es Momente, in denen ich tatsächlich versucht war, die Leser zu fragen, wie es weitergehen sollte. Dagegen hat sich dann aber doch mein Schriftstellerstolz gesträubt. Ich wollte selber darauf kommen. Sobald in den Kommentaren ein Vorschlag aufgetaucht ist, den ich gut fand, ärgerte ich mich, weil ich den dann nicht mehr nehmen konnte. Andererseits haben mir die Kommentare auch sehr geholfen: Wenn ich nach einem Cliffhanger eine Idee hatte, wie es weitergehen könnte, das dann aber in den Kommentaren auch genau so vermutet wurde, wusste ich, dass meine Idee zu naheliegend war. Das war ein Test, der mich angesport hat: Ich wollte überraschender sein.

Tilman Rammstedt Morgen mehr
Hanser, 2016
224 S.; 20 Euro

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