MUSIK

Sportfreunde Stiller: Sturm & Stille

Juli 2016. In einem Regionalzug bei Würzburg geht ein Mann mit einer Axt auf Fahrgäste los; zehn Menschen sterben bei einem Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum; und in Ansbach sprengt sich ein Attentäter in die Luft. Drei verheerende Gewalttaten binnen einer Woche, alle in Bayern, der Heimat der Sportfreunde Stiller, deren neues Album ausgerechnet von Positivität und Optimismus handelt. Nur einen Tag nach dem Anschlag in Ansbach treffe ich Sänger Peter Brugger, Schlagzeuger Florian Weber und Bassist Rüdiger Linhof zum Interview. Ihr neues Album „Sturm & Stille“ ist wie üblich geradliniger Poprock, die Hooklines allesamt direkt mitsingbar, mehr denn je versprüht die Band Zuversicht, Harmonie und gute Laune – während die Spirale aus Unsicherheit, Angst und Gewalt immer unaufhaltbarer scheint, der Terror die Nachrichten bestimmt und Fremdenfeindlichkeit wieder auf dem Vormarsch ist.
Woher nimmt die Band da nur ihren schier grenzenlosen Optimismus?

Florian Weber: Der liegt uns tief im Herzen und brodelt nach oben. Wir haben gemerkt, dass es immer eine positive Alternative geben muss.

Peter Brugger: Wenn‘s mir scheiße geht oder mich irgendwas beschäftigt, setzt immer der Moment ein, an dem ich mich da rausnehmen und das Ganze auf Abstand betrachten kann. Dafür bin ich sehr dankbar. An positivem Denken mag ich, dass es den Blick eher öffnet als ihn verschließt. Wir alle drei sehnen uns nach Lösungen.

Die meisten Menschen sehnen sich nach Lösungen und Antworten. Aber gibt es sie auch?

Brugger: Auch in diesen schwierigen Zeiten glaube ich an das Gute im Menschen. Ich weiß, dass jeder von uns auch eine schlechte Seite in sich hat – die Frage ist einfach, wie man sein Leben führen möchte.

Rüdiger Linhof: Das alles hat nichts damit zu tun, dass unser Leben immer happy ist. Ich finde es nur wichtig, ab einem gewissen Punkt Ideen zu finden und weiterzuspinnen, sonst bin ich ja immer nur das Opfer. Das Gegenteil von Optimismus ist für mich Resignation, also ein Zustand tiefster Passivität – wenn man jeglichen Glauben daran hinwirft, dass man irgendetwas selbst gestalten kann, hat das für mich etwas Totalitäres. Das hat auch eine politische Komponente, gerade heutzutage.

Also ist eine bedingungslos optimistische Weltsicht möglich, ohne gleichzeitig unangenehmere Aspekte auszublenden?

Linhof: Aber sicher, das widerspricht sich überhaupt nicht. Ich kann etwas wahrnehmen, betroffen sein und Mitgefühl haben, aber trotzdem glücklich sein. Ich habe eine tolle Frau und stehe gerade mit meinen Kumpels auf der Bühne, schaue dann aber nach München und denke mir: Krass, was geht da ab? Wenn man sich aber diesem kollektiven Angstzustand hingibt, der bei solchen Ereignissen entsteht, dann begibt man sich unter eine schwarze Glocke – und es ist irgendwo die Aufgabe eines mündigen Menschen, nach einer Lösung zu suchen und für die eigenen Ideen zu werben. Das ist Optimismus.

Ist das auch eure Mission als Band?

Brugger: Nicht unbedingt eine Mission, eher ein Wunsch. Positiv zu sein ist konstruktiver als Depression. Ich weiß aber auch, wie schwierig das ist. Man kann einem depressiven Menschen nicht sagen, er solle jetzt gefälligst mal gut drauf sein. Das ist Schmarrn.

Gab es denn Momente, in denen ihr kurz davor wart, zu resignieren?

Linhof: Klar, wenn’s mir scheiße geht, resignier ich auch mal für einen Tag.

Weber: Wenn ich über mein aktuelles Leben referiere, geht’s mir gut. Mir fällt einfach auf, dass es als schick, intelligent und politisch bedacht gilt, wenn man übers System herzieht, wenn alles brennt und die Welt in Trümmern liegt. Jeder Schwanz kann darüber singen, dass alles scheiße ist. Uns ist der aktive Ansatz sehr viel wichtiger.

Linhof: Auch ich bin in einer Siedlung aufgewachsen, in der es Alkoholikereltern, Schlägereien und Überfälle gab. Aber ich hatte nie das Bedürfnis, darüber zu singen, wie geil es ist, ne Frau zu vermöbeln oder jemanden fertig zu machen.

Es gibt aber einen Unterschied dazwischen, Gewalt zu reflektieren und abzubilden – oder sie zu glorifizieren.

Linhof: Ja, aber das wird sie zum Teil eben. Keine Kindheit entschuldigt so ein Tun. Wir sind in Deutschland mittlerweile über 80 Millionen Menschen. Wenn sich nur ein Bruchteil davon zu Wort meldet, dann werden diese hirnlosen Affen überhört. Diese Menschen richten ja auch deshalb Gewalt an, um für sich eine Öffentlichkeit zu bekommen.

Weber: Optimismus wird im Bereich der Kunst meist als naiv angesehen. Davon sind wir aber weit entfernt. Lieder wie „Zwischen den Welten“ etwa fußen durchaus auf der momentanen Situation, wie hart wir und unsere Gesellschaft zurzeit geprüft werden.

„Ich könnte die ganze Welt umarmen, dann kam der Tag, als sie in Trümmern lag“, heißt es in besagtem Song, und im Refrain: „Ich bin so glücklich wie nie und doch so traurig wie selten.“ Ein Hauch von Zwiespalt, der schließlich aber doch von der Gewissheit abgelöst wird: „Die Freiheit endet dann, wenn man sich die Hoffnung raubt.“

Im Pressetext zu „Sturm & Stille“ heißt es nicht nur, euer Album richte sich gegen Negativität und Pessimismus, sondern auch gegen Zweifel. Sind nicht gerade Zweifel ein wichtiger Nährboden, um überhaupt dazu in der Lage zu sein, Dinge zu durchdringen und sich weiterzubewegen?

Linhof: Klar, im Zweifel liegt auch ein Neubeginn.

Weber: Gegen das Zweifeln kann man ja eigentlich auch gar nicht sein, genauso wenig wie man gegen Angst sein kann. Angst muss man ja erst mal zulassen, um sie bezwingen zu können – und so ist es auch mit den Zweifeln. Wir zweifeln ja auch manchmal an einem Lied.

Linhof: Wenn man das aus dem Zusammenhang nimmt, ist das Wort an dieser Stelle vielleicht nicht so gut gewählt.

Weber: Unser Ansatz ist, uns im Zweifel für das Gute und Positive zu entscheiden. Es gibt da diesen Satz einer anderen bekannten Band: „Im Zweifel für den Zweifel.“ Den würde ich so nicht unterschreiben.

Immerhin teilt ihr mit Tocotronic beinahe einen Songtitel: Ihr habt beide einen Dienstag im April besungen.

Weber: Echt? Ist ja lustig. Das ist aber nicht bewusst passiert. Der Song ist tatsächlich an einem Tag entstanden, an dem viele Flüchtlinge im Meer ertranken – und im nächsten Moment hieß es in den Nachrichten: „Bei der Bundeswehr schießen die Gewehre nicht mehr g’scheit!“ Diese unglaubliche Gegenüberstellung hat uns damals sehr irritiert. Ich weiß jetzt aber gar nicht mehr so genau, ob es ein Dienstag war.

Linhof: Ein Samstag war es, glaube ich.

Ein Funken Restzweifel bleibt am Ende des Gesprächs also doch zurück.

Text: Siegfried Bendix

Tour

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