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Albrecht Schuch spielt Thomas Brasch: Mut zum Widerspruch

Albrecht Schuch Thomas Brasch
Albrecht Schuch als Thomas Brasch in „Lieber Thomas“ (Kinostart 11. 11.).© Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Zeitsprünge, Traumsequenzen, Halluzinationen: „Lieber Thomas“ ist ein ungewöhnliches Biopic. Doch der fragmentierte Ansatz passt zum Subjekt: Der Dichter, Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch hat sich zeitlebens gegen alle Fremdzuschreibungen gewehrt. Wie spielt man einen Mann, der nie von sich selbst erzählen wollte? Wir haben mit Hauptdarsteller Albrecht Schuch gesprochen.

Albrecht, in „Lieber Thomas“ spielst du den Autoren, Dichter und Regisseur Thomas Brasch. Wie gut kanntest du sein Werk, bevor du gecastet wurdest?

Albrecht Schuch: Eigentlich gar nicht, nur einen Text: „Warum spielen“. Der bezieht sich zwar im engeren Sinn auf Schauspieler:innen im Theaterkontext, hat aber darüber hinaus noch viele Interpretationsmöglichkeiten. Der Text war tatsächlich eine Art Dogma für mich und hing in der Schauspielschule in Leipzig in meinem Spind.

Was war deine Reaktion, als du das Angebot bekommen hast, ihn zu spielen?

Schuch: Ich wollte es sofort machen. Das hat auch damit zu tun, dass ich den Drehbuchautor Thomas Wendrich schon von dem NSU-Film „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ kannte und dachte, er könnte für diese Geschichte der Richtige sein, weil er Thomas Brasch und dessen Kreis miterlebt hat. Außerdem war er selbst Schauspieler, und das ist sehr hilfreich, wenn es um Brasch geht.

Du spielst Brasch in sehr verschiedenen Altern und Lebenslagen: als jungen Studenten, als politischer Häftling in der DDR, als erfolgreichen Schriftsteller. War das eine Herausforderung?

Schuch: Es war vor allem ein Geschenk, diesen Menschen zu spielen, der so ganz unterschiedliche Bewusstseins- und Seinszustände hatte – und die auch immer sehr offen gelebt hat, sich niemals versteckt hat. Man wusste immer, woran man bei ihm ist.

Was, würdest du sagen, hat Thomas Brasch ausgemacht?

Schuch: Die differenzierte Betrachtung, der Mut, Widersprüche offenzulegen, die Ganzheit in der Beschreibung einer menschlichen Persönlichkeit. Das gilt für ihn selbst genauso wie für Menschen, die mit ihm gar nichts zu tun hatten. Auch das Hinterfragen von Zuständen, eigenen und politischen. Er war streitbar, aber auch fehlbar, nicht verurteilend oder monologisch.

Auch der Film selbst ist ja abstrakter als viele Filmbiografien, mischt Träume und Visionen mit der Realität.

Schuch: Auf jeden Fall sollte es kein typisches Wohlfühl-Biopic sein, bei dem man am Ende wohlgenährt nach Hause gehen kann. Das wäre auch nicht in Braschs Sinn gewesen.

Im Film selbst gibt es eine Stelle, an der Brasch sich weigert, über sich selbst zu schreiben, weil sein Werk wichtiger sei als seine Person. Hattest du beim Drehen einer Biografie ein gewisses Gefühl der Ironie?

Schuch: Es stimmt, dass Brasch nicht über sich schreiben wollte. Er steckte da in einem Dilemma: Einerseits hätte er, glaube ich, gern eine Form dafür gefunden – und hat das teilweise auch geschafft, indem er sich in Alter Egos verpackt hat, die man etwa in seinen Gedichten finden kann, wenn auch immer sehr chiffriert. Es wäre bestimmt hilfreich gewesen, alles einmal niederzuschreiben, was er erlebt hat, aber genau das wollte er nicht bedienen, weil es plötzlich alle von ihm verlangt haben. Er hatte Angst davor, nur der Geflüchtete, der Dissident zu sein. Er war tief gebrochen, weil er von seinem Vater verraten wurde, hat diesen Bruch aber auch als Grund für seine Schaffensenergie gesehen.

Du meinst, er hatte Angst, seine Kreativität zu verlieren, wenn er sich mit seinem Trauma auseinandersetzt?

Schuch: Vielleicht, ja. Obwohl ich selbst glaube, er hätte das nicht gebraucht. Es gibt ja diese komische Mär, die einem bis heute an der Schauspielschule von manchen älteren Coach:innen beigebracht wird: dass man auch Scheiße erlebt haben muss, um gut zu spielen. Ich bin fest der Meinung, dass man sich auch mit sich selbst und anderen auseinandersetzen kann, ohne Schreckliches erlebt zu haben. Das ist ja gerade das Göttliche an diesem Beruf – und auch an dem des Schriftstellers.

Trotzdem wird Thomas Brasch bis heute eng mit der DDR assoziiert. Du bist selbst in Jena geboren, allerdings nur wenige Jahre vor der Wende. Hattest du dennoch einen persönlichen Bezug zu diesem Thema?

Schuch: Dadurch, dass ich dort großgeworden bin, so wie meine Familie und Bekannten, und die Geschichten aus der Vergangenheit viel näher sind, habe ich natürlich einen anderen Bezug, als wenn ich zum Beispiel im Badischen aufgewachsen wäre. Ob es der Schlagzeuglehrer ist, der mir damals mit zwölf seine Geschichte von Lieferengpässen erzählt, weshalb er sich ein Schlagzeug aus einem Duschkopf zusammenbaut, oder meine Großmutter in Dresden … Ich kenne viele Geschichten, die mit der Zerrissenheit dieses Staates zu tun haben, habe eine gewisse Wut beobachtet oder Vertrauensverlust in der Luft gespürt. Das fließt alles unbewusst mit ein, auch wenn ich es nicht immer erklären könnte.

Interview: Matthias Jordan

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