„Alpha“: Zersetzte Leiber, erschöpfte Seelen
Regisseurin Julia Ducournau bringt mit „Alpha“ gleichermaßen ein Endzeitdrama und eine Aids-Allegorie von erschreckender Deutlichkeit in die Kinos.
In ihrem neuesten Film „Alpha“ setzt Regisseurin Julia Ducournau („Raw“, „Titane“) erneut auf brachiale Körperlichkeit. Ihre dystopische Aids-Allegorie bleibt im Kopf – auch wenn sie einen oft vor genau diesen stößt. „Alpha“ kommt jetzt in die Kinos.
Wir befinden uns in der französischen Hafenstadt Le Havre, irgendwann in den Neunzigern. Doch es könnte genauso gut eine ferne Zukunft sein. In Julia Ducournaus drittem Spielfilm „Alpha“ hat sich Frankreich verändert: Ein mysteriöses Virus lässt Menschen zu marmorähnlichen Gebilden erstarren, bis sie zu Staub zerfallen. Angst, Unwissen und Misstrauen vergiften die Gesellschaft. Mittendrin die 13-jährige Alpha (Mélissa Boros), die selbst infiziert sein könnte und deshalb von ihren Mitschüler:innen gemieden wird. Ihr drogenabhängiger Onkel (Tahar Rahim, „Napoleon“, „Monsieur Aznavour“) lebt bei ihr und ihrer Mutter (Golshifteh Farahani, „Lolita lesen in Teheran“), die verzweifelt versucht, ihn zu retten … Ducournau inszeniert erneut mit brutaler Körperlichkeit: Zersetzte Leiber, erschöpfte Seelen, Bilder von erschütternder Intensität. Besonders Rahim beeindruckt als vom Leben gezeichneter Süchtiger. Doch zwischen AIDS-Allegorie, Coming-of-Age-Drama – das an De Palmas „Carrie“ erinnert – und düsterer Dystopie verliert sich der Film bisweilen im thematischen Überfluss. Doch trotz erzählerischer Unschärfen bleibt am Ende vor allem eine Szene haften: eine der intensivsten Umarmungen des jüngeren Kinos.