URBANE KULTUR

Die Zukunft der digitalen Bühne

Amelie Deuflhard
Amelie Deuflhard, die Intendantin der Hamburger Bühne KampnagelFoto: © Kampnagel/Marcelo Hernandez

Frau Deuflhard, bei der Terminfindung für dieses Interview bekam ich mit, dass Sie eine Zoom-Konferenz nach der anderen abhalten. Müssen Sie digital mehr Konferenzen abhalten als im analogen, Covid-19-freien Leben?
Amelie Deuflhard: Im richtigen Leben habe ich meistens Live-Meetings, und ich hatte schon immer viele Sitzungen. Jetzt geht ja alles per Zoom, aber man kann nicht sagen, dass es mehr geworden ist. Heute Morgen habe ich ein vierstündiges Seminar per Zoom gegeben, das findet normalerweise live statt. Vorausschauend auf die neuen politischen Entscheidungen haben wir auch alle hausinternenen Meetings auf Videokonferenzen umgestellt, alle Live-Konferenzen sind abgeschafft. Ich bin somit den ganzen Tag digital unterwegs, mich nervt das extrem. Aber man kann ja nichts machen.

Wie muss man sich das Leben einer Intendantin vorstellen unter diesen digitalen Bedingungen, wenn schon jetzt ein Programm für die Zeit danach entwickelt werden soll?
Amelie Deuflhard: Das hat sich extrem verändert. Normalerweise sichte ich gemeinsam mit meinen Dramaturginnen auch viel digital, gerade international, aber wir fahren auch live auf Festivals, und grundsätzlich laden wir mit Ausnahme von Neuproduktionen, wo das natürlich nicht geht, nur Produktionen ein, die wir auch live gesehen haben. Das geht alles nicht mehr, denn Festivals finden live nicht statt. Im Moment entstehen überhaupt wenig Dinge neu. Die meisten Theater proben noch, wir auch, aber in vielen Ländern ist auch das nicht möglich. Auch die ganze internationale Meetingstruktur hat sich geändert, und davon wird sicherlich einiges bleiben. Unsere EU-Netzwerke, alle landesinternen Netzwerke: Das wird jetzt per Zoom gemacht. Es gibt fast keine Kolleg:innen mehr, die noch reisen. Und bei neuen Stücken sichten meine Dramaturginnen und ich vor allem, was digital neu entsteht. Natürlich gibt es auch analog neue Stücke, wir nennen die alle nur noch Geisterpremieren. Diese vor allem lokalen Stücke werden alle zu Ende geprobt. Da sitzen wir zum Teil noch in diesen Geisterpremieren, in die kein Publikum rein darf. Höchstens Journalisten dürften kommen, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Städten auch, denn wir dürfen ja alle noch unserer Arbeit nachgehen.

Wie planen Sie denn die Monate April und Mai? Planen Sie Live-Theater vor Ort? Und was machen Sie in der Zeit davor?
Amelie Deuflhard: Unser ursprünglich analog geplantes Programm für Februar haben wir schon länger abgesagt. Den März sagen wir jetzt auch ab, weil ich nicht davon ausgehe, dass wir dann die Bühnen bespielen können. Aber wir sind natürlich trotzdem präsent und mit einer großen Digitalisierungsoffensive in die Neuplanung gegangen. Wir haben uns dagegen entschieden, Streams von abgespielten Vorstellungen zu zeigen. Wir wollen lieber die Zeit nutzen, um einerseits Strukturen zu entwickeln – also die Digitalisierung des Betriebs; da ist auch schon irre viel passiert in den vergangenen Monaten. Und andererseits haben wir uns auf die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern gemacht, im Performancebereich oder Tanz, die neue Arbeiten extra für die digitale Bühne entwickeln, sodass daraus eine eigene neue Sparte wird. Statt aktionistisch, gehen wir systematisch vor, denn diese Sparte soll in Zukunft ein weiteres Element unseres Spielplans werden.

Es wird also keine Streams von analogen Produktionen geben?
Deuflhard: Wir haben jetzt im Februar ein Festival: „Fokus Tanz“. Das war natürlich schon komplett geplant als analoges Festival, mit großen internationalen Produktionen. Die werden wir jetzt nicht einfach als „Konserve“ streamen. Wir können aber in der aktuellen Situation Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso und seine Company nicht nach Hamburg holen für eine gestreamte Geistervorstellung, das wäre ja unverhältnismäßig. Wir verschieben die geplanten Produktionen und entwickeln stattdessen gerade ein völlig neues Festivalkonzept explizit für den digitalen Raum, das interaktiv und sogar ein bisschen analog funktioniert. Mit der App [k] to go, einem digital-analogen Experiment, laden wir unser Publikum zu individuellen Spaziergängen auf das Kampnagel Gelände ein. Die App ermöglicht so etwas wie einen Blick hinter die Kulissen und lässt an verschiedenen Stellen auf dem Außengelände Video-Fenster im Handy aufgehen. Für das Festival „Fokus Tanz“ zum Beispiel mit den berühmtesten Szenen aus Tanzfilmen, nachgetanzt von Hamburger und internationalen Choreograf:innen, die wir beauftragt haben, diese Videos für uns zu produzieren. Wir entwickeln gerade weitere Formate, die zeitgenössischen Tanz auf eine neue Weise erlebbar machen.

Ich hatte mir die Frage notiert, was vom digtialen Boom wohl bleiben wird. Sie aber planen schon für die Zukunft, um Bleibendes in diesem Bereich zu kreieren.
Deuflhard: Genau, wie entwickeln derzeit für die Zukunft. Wir versuchen alles, was wir jetzt machen fortzuführen, wenn die Besucher:innen wieder vor Ort sind. Das ist zum Beispiel ein digitales Foyer, wo man von außen und auch während man hier auf dem Gelände ist, in Räume reingucken kann. Wir haben ja sechs verschiedene Bühnen, die wir oft parallel bespielen. Angenommen, Sie gehen in die K6, in die große Halle, dann können Sie mit dem Handy auch in die anderen Hallen reinschauen und gucken, was da gerade passiert. Gleichzeitig wollen wir im digitalen Foyer Interaktion ermöglichen zwischen Besucher:innen hier vor Ort und den Menschen, die sich unser Programm digital anschauen. Wir erforschen gerade, wie man das technisch umsetzen kann.

Was ist eigentlich aus Ihren Plänen für eine Datingplattform geworden? Sie wollten doch Menschen, die sonst alleine in die Aufführung gehen würden, über eine Plattform zusammenführen und so Gemeinschaft entstehen lassen.
Deuflhard: Da sind wir auch gerade dran.

Und umgesetzt wird sie, wenn die Theater wieder öffnen?
Deuflhard: So lange wird es hoffentlich nicht dauern, denn diese Plattform, mit der man sich zum Kampnagelbesuch verabreden kann, soll im Prinzip analog und digital funktionieren. Das haben wir heute gerade in einer Sitzung besprochen und die verschiedenen Möglichkeiten ausgelotet. Man könnte sich mit jemandem digital fürs Theater verabreden und sich im echten Foyer treffen. Oder aber man kann sich mit Menschen, die in die analoge Vorstellung gehen, hinterher zum Gespräch darüber im digitalen Foyer verabreden, auch wenn man selbst von zu Hause aus zugesehen hat. Ich glaube, wenn wir sehr schnell sind, schaffen wir es in zwei Monaten, aber dann sind wir richtig gut.

Hatten Sie die Idee?
Deuflhard: Die hatte ich so vor einem Jahr eingebracht. Ich habe auf einer privaten Party einen Digitalentwickler kennengelernt, der eine solche Datingapp für Mediziner macht, die sich auf Kongressen treffen. Wenn man auf Kongresse geht, kennt man ja in der Regel nicht so viele Menschen und hat so die Möglichkeit, sich vor Ort zu verabreden und zu vernetzen. Da dachte ich sofort, dass das auch ein interessantes Tool fürs Theater sein kann. Wie wir ja alle wissen, gehen die meisten Menschen nicht gerne alleine ins Theater.

Sie sagen, dass das im Digitalen wie im Analogen funktioniert. Ich halte es vor allem für ein richtig feines Tool vor allem fürs analoge Leben.
Amelie Deuflhard: Theater funktioniert grunsätzlich viel besser im Analogen, Theater und so ein Kunstort wir Kampnagel sind Orte der Begegnung, auch wenn soziale Zusammenkünfte seit Corona nicht mehr möglich ist. Andererseits haben wir gemerkt, dass wir durch die digitalen Angebote auch zugänglicher geworden sind für all diejenigen, die vielleicht wegen einer Behinderung oder weil sie nicht in Hamburg leben ansonsten nicht kommen könnten. Deshalb wollen wir auch in Zukunft digitales Programm ermöglichen, genauso wie die Begegnung mit Menschen sowohl im analogen als auch digitalen Raum. Die meisten Menschen gehen ins Theater, weil das ein sozialer Ort ist, wo man zusammen mit Freunden hingeht, wo man danach noch ein Glas Wein trinkt oder etwas isst. Das gehört alles zusammen, das ist ein Erlebnis des nächtlichen Ausgehens. Das kann man sicher nur begrenzt ins Digitale verlegen.

Ich gehe davon aus, dass die Theater einen unheimlichen Run auf ihre Aufführungen erleben werden, sobald die Öffnung der Kulturstätten wieder möglich ist. Wie wollen Sie der Sehnsucht nach Theater und dem sozialen Miteinander auf eine besondere Art und Weise begegnen? Entwickeln Sie da schon Pläne?
Amelie Deuflhard: Ich kann Ihnen meine Lieblingsidee nennen. Wann die umzusetzen wäre, wissen wir allerdings noch nicht. Sie haben ja bestimmt auch den Roman „Die Pest“ von Camus gelesen. Wie da die Pandemie zu Ende ist, gibt es ein großes Fest in der Stadt. Und alle feiern, sind begeistert und ausgelassen, bis auf die Ärzte. Die Ärzte sind immer noch skeptisch und befürchten, dass die Pest wiederkommen könnte. Diese Erfahrung haben wir ja auch schon einmal gemacht.

Sie möchten ein großes Fest auf die Beine stellen?
Amelie Deuflhard: Dieses gemeinschaftliche Feiern, sobald die Pandemie zu Ende ist, das möchte ich. Egal ob wir dann eine stadtweite Veranstaltung machen gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen, oder ob wir sagen, wir machen’s auf Kampnagel: Das ist etwas, worauf ich mich wirklich sehr freue.

Interview: Jürgen Wittner