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„Andere Eltern“: Hochexplosive Masernparty

Der Titel der Serie „Andere Eltern“ ist gleichzeitig die Anwort aller an der Serie teilnehmenden Eltern auf die Frage, was denn das Schlimmste am Elternsein sei. Verstanden? Nein? Dann lesen Sie den Satz noch drei Mal durch. Denn diese Antwort drückt sich in allem aus, was die Serie ausmacht. Der Kölner Stadtteil Nippes ist ein traditionelles Arbeiterviertel, doch jetzt wird das Proletariat zukzessive von der reindrängenden politisch korrekten, vegetarischen Biojugend verdrängt. Doch diese klassische Gentrifizierung ist gerade nicht das Thema der Serie, wohl aber dient sie als konterkarierendes Element und damit als Kommentar aller gut gemeinten Taten der jungen und politisch absolut naiven Eltern, die eine Kindertagesstätte gründen.

Nina (Lavinia Wilson, „Deutschland 86“, „Deutschland 86“) ist zweifache Mutter und will, weil sie endlich in allen Betreuungsfragen mitreden möchte, eine Kindertagesstätte in Eigenregie. Deshalb haben sie und ihr Mann Janos (Jasin Challah) andere Eltern und Noch-nicht-Eltern) zu einer Gründungsversammlung eingeladen. Neben einem Rassisten mit Redeschwalldrang, einem schwulen Single, der das Vatersein bisher nur plant, einem nie zu Wort kommenden japanischen Pärchen und weiteren Eltern versuchen die beiden, die schrill-diverse Gruppe mit ihren vielen unterschiedlichen Meinungen unter einen Hut zu bringen. Am Ende sehen wir einem hoch explosiven Gemisch kurz vor der Explosion zu.

Showrunner und Regisseur Lutz Heineking junior hat bereits mit der Serie „Das Insitut – Oase des Scheiterns“ unter Beweis gestellt, dass er Mockumentaries á la „Stromberg“ bestens kann. Ins Unreine gesprochen politische Unkorrektheiten, gefolgt von kurzem Zögern und verschlimmbessernden Korrekturen sind die Basis für die erfolgreiche Komik dieses Formats. In seiner neuen Comedyserie nimmt Heineking sich die heutigen Helikopter-Eltern vor und lässt sie mit viel humoristischem Schmackes gegen jede Glaswand laufen. Wenn sie sich in den improvisiert gespielten Szenen noch nicht um Kopf und Kragen geredet haben, tun sie es spätestens im Vier-Augen-Gespräch mit der Kamera, wo sie Vorangegangenes noch einmal grausam kommentieren. Politisch aktuell ist die Serie zudem: Masernpartys feiernde Impfgegnerinnen und heimlich impfende Ehepartner sind nur ein kurzer humoristischer Wink aus der Vergangenheit der Serienproduktion in die (in diesem Punkt nicht mehr witzige) Gegenwart.

„Andere Eltern“ wurde vom Pay-TV-Sender TNT Comedy in den letzten beiden Jahren produziert und ausgestrahlt. 2020 war sie für den Grimme-Preis nominiert. Jetzt erlebt die Serie mit der Ausstrahlung auf ZDFneo und dem Bereitstellen in der ZDF-Mediathek ihre Free-TV-Premiere. jw

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