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Kultur

Annette Hess: „Rassisten mitten in der Gesellschaft“

Das Thalia-Theater Hamburg eröffnet die Saison mit „Deutsches Haus“ – eine mahnende Erinnerung an die Nazi-Verbrechen. kulturnews sprach mit der Autorin Annette Hess über die verblassende Erinnerung an die Shoah.

Autorin und Showrunnerin Annette Hess lieferte die Vorlage für das Theaterstück „Deutsches Haus“ im Thalia Theater.
Autorin und Showrunnerin Annette Hess lieferte die Vorlage für das Theaterstück „Deutsches Haus“ im Thalia Theater. (Foto: Ferran Casanova)

Annette Hess, bei der Verfilmung Ihres Romans „Deutsches Haus“ waren Sie Showrunnerin und Drehbuchautorin. War es schwer für Sie, jetzt den Roman aus der Hand zu geben für die Bühnenfassung?
Annette Hess: Für mich ist die Adaption für die Bühne, zudem an einem derart renommierten Haus, erstmal eine große Ehre. Darüber hinaus bin ich es aus meiner Arbeit als Drehbuchautorin gewohnt, meine Geschichte und die Figuren an einem gewissen Punkt loszulassen – zur freien Verfügbarkeit für andere Kreative. Ich bin sehr gespannt auf die Inszenierung, da Theater noch einmal ganz anderen Gesetzen folgt als Literatur oder Film.

Wie sehr konnten und wollten Sie dabei mitwirken? Oder haben Sie bei der Inszenierung im Thalia Theater das alles Regisseurin Jorinde Dröse und der Dramaturgie überlassen?
Annette Hess: Es gab eine große Offenheit vonseiten Johanna Vaters und Jorinde Dröses, dass ich mich ebenfalls einbringe und zum Beispiel Feedback zum adaptierten Text gebe. Aber ich habe mich dann entschieden, zu vertrauen und mich vollständig überraschen zu lassen.

„Deutsches Haus“ erzählt neben vielen anderen Handlungssträngen von der Verdrängung der schlimmsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, aber auch vom Versuch, diese Verbrechen im Rahmen des ersten Auschwitzprozesses im Jahr 1963 wieder sichtbar zu machen. Es ist nach meinem Kenntnisstand der absolut düsterste Stoff, den Sie als Autorin verarbeiteten.
Annette Hess: Ich finde meine Stoffe zuallererst aus einer künstlerischen Intuition heraus. Nie aus Kalkül oder mit der Haltung: „Das könnte jetzt als Thema interessant sein.“ Ich schreibe das, was mich persönlich umtreibt. Und da bin ich an allererster Stelle Täter-Enkelin. Mein Großvater war von 1939 bis 1944 Polizist in Polen und hat nie über diese Zeit gesprochen. Aber die Polizei hat dort bei Deportationen und Erschießungen mitgewirkt; mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit war er Mitwisser oder sogar Täter. Das ist in meiner Familie ein blinder Fleck – den will ich beleuchten. Ich spüre eine Verantwortung, als deutsche Enkelin darüber zu erzählen und habe nach Zugängen gesucht. Als ich dann auf die Tonbandprotokolle des Auschwitz-Prozesses gestoßen bin – 400 Stunden, die ich rauf und runter angehört habe –, hat mich das zu meiner Hauptfigur inspiriert. Besonders die polnische Übersetzerin Wera Kapkajew hat mich nachhaltig beschäftigt. Mit einer großen Klarheit und Ruhe übersetzt sie diese absolut schrecklichen Schilderungen und gibt den Zeuginnen und Zeugen, die nach 20 Jahren ins Täterland kommen, das nötige Vertrauen, sich zu öffnen. Damit war die Hauptfigur Eva Bruhns geboren.

Wo sahen und sehen Sie bei dieser doch starken Verknappung dieses komplexen Stoffs für die Bühne die größte Herausforderung?
Annette Hess: Das Schöne am Theater ist ja, dass man dort viel spielerischer Welten kreieren kann. Den Gerichtssaal mit den 22 Angeklagten und den vielen Beteiligten musste man in einer Serie eins zu eins sehen. Auf einer Bühne hat man unzählige andere Möglichkeiten, diesen Raum zu erschaffen. Die Herausforderung liegt vielleicht am ehesten darin, auf welche Erzählung man den Fokus legt. „Deutsches Haus“ ist ja schlussendlich auch eine Emanzipationsgeschichte.

Ich habe die Serie vor drei Jahren gesehen. Sie ist geprägt von schmerzhaft langen Einstellungen und von einer sehr ruhigen Bildsprache, Schwenks kommen nur selten vor. Das war aus meiner Sicht einerseits durchaus dem Thema geschuldet, andererseits wirkte die Serie dadurch wie ein Theaterstück, wenn in vielen Einstellungen die Tiefe des Raums vielfältig genutzt wurde. Wie sehen Sie das?
Annette Hess: Bei der Entwicklung der Serie habe ich mich dafür eingesetzt, keinen Voyeurismus zu bedienen, kein „Holocaust-Entertainment“ zu kreieren, wovon in den letzten Jahren leider viel entsteht. Da sind mit den neuen Generationen Tabus gefallen. Für die langen Einstellungen, die Schweigeminute oder die siebenminütige Verlesung der Anklage in der Serie musste ich kämpfen. Die Streamer fürchten da schnell um Abonnenten, wenn etwas nicht schnell und laut erzählt ist. Aber die respektvolle, sensible Umsetzung waren wir dem Thema schuldig.

Das Bühnenstück "Deutsches Haus" nach dem gleichnamigen Roman von Annette Hess feiert seine Uraufführung am Thalia Theater Hamburg.
Nellie Fischer-Benson
DEUTSCHES HAUS nach dem Roman von Annette Hess
Dramatisierung von Jorinde Dröse und Johanna Vater
Regie Jorinde Dröse
Bühne Barbara Steiner
Kostüm Juliane Kalkowski

Heute verschwindet die Generation der noch im Krieg Geborenen immer mehr aus unserer Gesellschaft, von den Zeitzeugen der Shoa ganz zu schweigen. Sie schreiben fast mit Ihrem ganzen Werk als Autorin und Filmemacherin gegen das Vergessen der deutschen Schuld an. Welche Haltung liegt dem zugrunde?
Annette Hess: Meine Überzeugung ist: Vor 90 Jahren waren die Menschen weder schlauer noch dümmer als heute. Der Mensch ist letztlich immer gleich unzulänglich und oft angstgetrieben. Aber ich dachte, aus Geschichte könnte man lernen. Als ich vor 10 Jahren den Roman geschrieben habe, gab’s den Hashtag „Nie wieder“. Als wir die Serie vor 4 Jahren produziert haben, wurde daraus: „Nie wieder ist jetzt.“ Jetzt haben wir ein Wahlergebnis wie am Sonntag in Sachsen-Anhalt. Da muss man bitter erkennen: Das Empfinden für eine besondere, historische Verantwortung ist mit den jüngeren Generationen verschwunden. Die Historie funktioniert nicht mehr als Mahnung, weil es keine emotionale Verbindung mehr dazu gibt. Aber ich kann weiter Geschichten erzählen, die für Humanismus, Toleranz und Gemeinschaft werben. Ich sehe mich da als Kunstschaffende in der Pflicht, dieser fatalen Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

Die frühe Bundesrepublik lässt Sie nicht los. Sie planen eine neue Serie über den Wunderheiler Bruno Gröning. Was fasziniert Sie an einer zerrütteten Gesellschaft und ihrem schwierigen Weg zu so etwas wie Normalität?
Annette Hess: Für mich sind Widersprüche mein erzählerisches Elixier, das Nebeneinander von Schuld und Aufbau, Verdrängung und Lebensfreude. In der Reibung entsteht das Drama. Und da gibt es historische Epochen, in denen die Gegensätze besonders stark waren. Die Serie über den Wunderheiler liegt allerdings auf Eis. Ich habe einen neuen Stoff entwickelt, der das behandelt, was mich gerade am meisten umtreibt: ein Manifest für Demokratie. Letzte Woche habe ich meinen zweiten Roman beendet, „Mitropa“, der 1978 in einem Zug spielt. Ich erzähle von einer Fahrt von Ost-Berlin nach Jugoslawien, auf der DDR-Bürger, Westdeutsche, Amerikaner und Osteuropäer aufeinandertreffen, miteinander reisen und zusammenwachsen – trotz ihrer Unvereinbarkeiten.

Unsere Gesellschaft heute ist so fragil wie schon lange nicht mehr. Leben wir immer noch in einer Zeit der Verdrängung? Oder etwa schon wieder?
Annette Hess:
Ich finde, das Umgekehrte ist heute das Bedrohliche: Der Klimawandel, alte weiße Männer, die die Welt zerbomben, und die Selbstverständlichkeit, mit der sich Rassisten unwidersprochen in der Mitte der Gesellschaft platzieren – das ist ja für alle offen sichtbar. Dieses Mal rennen wir bewusst in die Katastrophe.

 

 

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